5 Jahre danach: Rezension des Buchs über den Einsamen Wolf-Terroristen Anders Behring Breivik

In Zeiten wie diesen wichtig zu wissen: Terrorismus geht nicht nur von radikalisierten Islamisten aus. Heute, vor fünf Jahren sorgte ein Norweger, geboren und aufgewachsen in Oslo, für ein Massaker, zerstörte das hoffnungsvolle Leben vieler Jugendlicher. Als einsamer Wolf plante er seine Taten jahrelang akribisch, getrieben von Hass …Eindringlich wie schockierend beschreibt das die Journalistin und Kriegsberichterstatterin Åsne Seierstadt in dem Buch “Einer von uns. Die Geschichte des Massenmörders Anders Behring Breivik” (gerade auf Deutsch erschienen). Lesen lohnt sich.

Ich habe es für die katholische Wochenzeitung der Schweiz  “Sonntag” rezensiert (Ausgabe Juli). Ein Auszug findet sich hier: 

Åsne Seierstad: Einer von uns. Die Geschichte eines Massenmörders. Aus dem Norwegischen und Englischen von Frank Zuber und Nora Pröfrock. Verlag Kein & Aber, Zürich 2016. 544 S.

Wohl kein Gewaltakt nach dem 11. September 2001 hat die Welt so beschäftigt wie die Blutspur, die Anders Behring Breivik am 22. Juli 2011 in Oslo und auf der Ferieninsel Utøya hinterließ. Der damals 32-jährige Täter handelte als Einsamer-Wolf-Terrorist. Oftmals wird dieses Phänomen vernachlässigt – auch, will Terrorismus oft als Gruppenphänomen wahrgenommen wird. Im Unterschied zum Amoklauf ist der Einsame-Wolf-Terrorismus politisch motiviert, eine Art persönliche Kränkungsideologie entsteht. Narzisstische Persönlichkeitsmuster spielen hier eine besondere Rolle. Breivik war getrieben vom Hass auf eine funktionierende Demokratie. Die norwegische Journalistin Åsne Seierstad hat akribisch recherchiert, erzählt packend in einer Mischung aus Roman und Reportage “die Geschichte eines Massenmörders”. Vor allem versucht sie das Unerklärbare zu erklären: Wie wurde jemand aus der Mitte der Gesellschaft zu einem Monster? Klar ist: Niemand wird als Extremist geboren. Breivik hat sich im Zimmer der Wohnung seiner Mutter radikalisiert, nachdem er in unterschiedlichen Cliquen, von Graffitisprayern über die rechtspopulistischen Fortschrittspartei bis hin zur interaktiven Nutzung von Gewaltspielen, keinen Anschluss fand und mit halbseidenen Geschäftsmodellen scheiterte. Besonders beängstigend ist, dass er sich, “bei Mama”, über das Internet theoretisch wie praktisch selbst zum Terroristen “ausbildete”. Vor seinen Taten verfasste er, teilweise plagiiert, ein krudes Manifest, baute selbst eine Autobombe auf einem Bauernhof, den er anmietete. Im Gericht sieht er sich als Teil einer Bewegung im Kampf gegen Marxismus, Multikulturalismus und Islam. Auf obskure Weise wünscht er sich als angeblich christlich-fundamenatlistischer Tempelritter das Mittelalter zurück. Sein Lügengebäude bricht schnell zusammen. Dennoch erscheinen die Taten auf perfide Weise rational: Die Richter erkannten ihn als zurechnungsfähig. Die Autorin klammert die Opferperspektive nicht aus. Sie konzentriert sich auf einige Porträts. Durch das Versagen von Polizei und Sicherheitsbehörden wird deutlich, dass der norwegische Staat auf die barbarischen Akte nicht vorbereitet war. Breivik war zudem strafrechtlich nicht erfasst. Seiderstadt warnt davor, Breiviks Einfluss auf die rechtsextreme Szene zu überschätzen. Er bleibt ein schrecklicher, aber eben ein Einzeltäter, der auch im Gericht kein Mitgefühl zeigt. Das Buch ist bei aller Schockierung hervorragend, auch wenn das angesichts der Inhumanität unmöglich scheint.

Über den Autor:

 

Åsne Seierstad, geboren 1970 in Oslo, ist international eine der renommiertesten Kriegsberichterstatterinnen und Bestsellerautorin. Sie arbeitet als Korrespondentin für verschiedene skandinavische Zeitungen und das Fernsehen in Russland, China, auf dem Balkan, in Afghanistan und dem Irak. Für ihren weltweiten Bestseller “Der Buchhändler aus Kabul” bekam sie zahlreiche internationale Auszeichnungen. Auch “Einer von uns” wurde bereits in internationalen Medien wie der New York Times gewürdigt.