After Nice: “Lone-wolf-terrorists as useful idiots for IS”, Interview with Radio Switzerland (18th July 2016)

After Nice: “Lone-wolf-terrorists as useful idiots for IS”, Interview with Radio Switzerland (18th July 2016), to listen here (in German): 

http://www.srf.ch/news/international/einsame-woelfe-sind-nuetzliche-idioten-fuer-den-is

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Klar scheint, dass es sich um einen «Einsamen Wolf» handelte. Mit dem Phänomen der radikalisierten Einzeltäter, die zu allem entschlossen aber kaum mit Komplizen vernetzt sind, hat sich Florian Hartleb beschäftigt. Der Politikwissenschaftler warnt davor, dass in Europa weitere ähnliche Gewalttaten verübt werden könnten.

SRF News: Sie glauben, dass es sich beim Täter von Nizza um um einen «Lone Wolf» handelt, wie kommen Sie zu dieser Annahme?

Florian Hartleb: Es scheint, dass er allein zu Gange war, jedenfalls, was den Tathergang betrifft. Es kann sein, dass er im Vorfeld der Bluttat übers Internet Kontakte gesucht oder sich andere «Einsame Wölfe» zum Vorbild genommen hat. Bei der Ausführung der Tat war er aber alleine, er hat dafür auch keinen direkten Auftrag des IS erhalten.

Wenn Täter wie jener in Nizza alleine, ohne Anweisung handeln: Was bedeutet das für die Dimension des Terrorismus’?

Florian Hartleb: Dieses Phänomen ist sehr schwierig zu bekämpfen. Schon seit einigen Jahren rufen radikal-islamistische Organisationen zu solchen Anschlägen durch Einzeltäter in Europa auf. Besonders frustrierte Migranten fühlen sich hier angesprochen. Sie sind eine Art «nützliche Idioten» für die Propaganda von Al Kaida oder dem IS.

Ist es ein Zufall, dass das Phänomen des «Einsamen Wolfs» nun in Frankreich auftaucht, wo die terroristische Bedrohung derzeit als sehr gross eingestuft wird?

Florian Hartleb: Im Unterschied zu den Anschlägen von Paris oder Brüssel – dort verübten kleinere Terrorzellen die Bluttaten – war in Nizza ein Einzeltäter am Werk. Ausserdem ist ein Anschlag mit einem Lastwagen, der Menschen totfährt, sehr schwer zu verhindern. Wir kennen ähnliche Taten bisher vor allem aus Ägypten oder Israel. Für Europa ist das Phänomen eher neu, entsprechend schwierig war es, die Tat zu verhindern.

« Man muss mit weiteren ähnlichen Taten rechnen – auch in Deutschland. »

Was heisst das für die zukünftige Terrorismus-Bekämpfung?

Florian Hartleb: Möglicherweise kommt es – zumindest in den europäischen Hauptstädten – zu einer Art israelischen Zuständen, was die Sicherheit betrifft. So hat Präsident François Hollande ja umgehend den Ausnahmezustand in Frankreich verlängert. Die Präsenz von Polizei und Armee in der Öffentlichkeit wird also weitergeführt, nun sollen sogar Reservisten mobilisiert werden. Das aber sorgt auch für öffentliche Paranoia und man läuft so Gefahr, den Terroristen auf den Leim zu gehen. Bereits hat sich die allgemeine Terrorangst in Europa verstärkt, nicht zuletzt auch wegen der sehr hohen Zahl der Opfer, die in Nizza zu beklagen sind.

Was kann man dagegen tun, um die Gefahr solcher Anschläge durch «Einsame Wölfe» zu mindern?

Florian Hartleb: Politiker müssen jetzt vorgeben, was zu tun ist. Nicht nur in Frankreich – aber hier stehen bald Wahlen an – sondern überall in Europa sind radikale Rechtspopulisten auf dem Vormarsch, die jetzt eine grundsätzliche Debatte über die Gefahr des Islam anstreben. Ihr Ziel ist es, Islam, Islamismus und Terror gleichzusetzen. Zudem muss Europa die Flüchtlingsproblematik lösen, die auch von anderen Faktoren, wie etwa der Situation in der Türkei, beeinflusst wird. Natürlich wird nun nach dem Terror von Nizza gefordert, dass man international vorgehen müsse. Doch gegen diese «Einsamen Wölfe» wird das nicht viel bringen. Es muss also durchaus damit gerechnet werden, dass es schon bald wieder zu ähnlichen Taten kommen wird, etwa auch in Deutschland. Dadurch wird die Europäische Union tendenziell geschwächt, es kommt vermehrt zu nationalen Alleingängen. Auch werden die symbolischen Massnahmen, wie etwa in Frankreich, verstärkt. Es kommt zu verstärkten Grenzkontrollen und beispielsweise Rasterfahndung. Auch wird man sich nach Nizza überlegen müssen, was es bedeutet, wenn ein Migrant mit oder ohne Staatsbürgerschaft kleinkriminell auffällig wird. Dadurch wird es zu einer verstärkten «Law-and-Order»-Politik kommen.

Das Gespräch führte Philippe Chappuis.