Bayerische Räterepublik vor 100 Jahren. Rezension eines neuen Buchs, ein Thriller

Rezension von mir in der Passauer Neuen Presse (PNP), erschienen 26. Februar 2018

Dichter als Anführer Bayerns

Ein spannendes Buch von Volker Weidermann

Aus heutiger Perspektive, im Zeitalter des Kapitalismus eine Illusion: Dichter und Literaten übernehmen eine Regierung, es war die Weltsekunde der Literatur an der Macht. Vor knapp 100 Jahren geschah das in einem Bayern, wo das Chaos des Ersten Weltkriegs der jahrhundertelangen Herrschaft der Wittelsbacher ein Ende bereite. Auf galante Weise macht nun Volker Weidermann, Autor für den Spiegel und Gastgeber des „Literarischen Quartetts“ im ZDF aus den dramatischen Erlebnissen einen Thriller aus der Perspektive der damaligen Protagonisten. Wer dieses Theaterstück bayerischer Geschichte nacherleben will, sollte sich die hervorragende Recherche, kurzweilig aufbereitet, nicht entgehen lassen. Die Frage von damals: Können Kunst und Politik gemeinsam etwas Neues schaffen, auf den Trümmern der Gegenwart? Die Revolution brachte den mystischen Theaterkritiker Kurt Eisner an die Macht, dessen Gegenspieler der aus Dommelstadl stammende Erhard Auer war. Eisner wollte „eine Leuchtkraft des Geistigen“ erwecken. Er erzeugte anfangs eine Euphorie, auch wenn die Revolution auf dem Lande kaum durchdrang. Klaus Mann, damals gerade 12 Jahre alt geworden, schrieb in sein Tagebuch: „Revolution! Kurt Eisner ist Präsident – zu lächerlich. Und trotzdem schmeichelt es einem zu denken, in hundert Jahren rede man von der bayerischen wie von der französischen Revolution!“ Rote Fahnen hingen von den öffentlichen Gebäuden der Hauptstadt. Der Spuk dauerte aber nicht lange, da Eisner schon wenige Monate auf dem Weg zu seiner Rücktrittsrede ermordet wurde. Auch Auer, Innenministergeworden, wurde schwer verletzt.

 

Die Traumtänzerei war noch nicht zu Ende. Im Badezimmer des Wittelsbacher Palais proklamierten sozialistische Literaten wie Ernst Toller, Ernst Niekisch und Gustav Landauer eine Räterepublik. Skurrile Maßnahmen wurden in den wenigen Tagen geplant: Das Schrumpfgeld sollte durch Silvio Gesell eingeführt, Disziplin an Schulen abgeschafft werden. Eifrig sandte man Telegramme an Lenin in Russland und den Papst im Vatikan. In München jener Tage sammelten sich schillernde Figuren aller Art, aber auch Hassprediger – und schließlich Berufsrevolutionäre aus Russland, die versuchten, per Gewalt die Utopie der Räterepublik zu retten und die Dichterrepublik zu eliminieren. Auf Gewalt folgte Gegengewalt, mit Hilfe aus Preußen und BadenWürttemberg schlugen Freikorps den Aufstand der Räte nieder. Die Bevölkerung jubelte, eine einmalige bayerisch-preußische Verbrüderung fand statt. Die düstere Episode, die Hitler als kleiner Soldat für die Räterepublik hautnah miterlebte, ließ Hass entstehen – gerade gegenüber den Kommunisten und speziell Juden, die, etwa Eisner und Toller, überproportional oft vertreten waren. Der Dichter Rainer Maria Rilke, der als Augenzeuge dabei war und München für immer verließ, notierte frustriert: „Deutschland hätte 1918, im Moment des Zusammenbruchs, alle, die Welt beschämen und erschüttern können durch einen Akt tiefer Wahrhaftigkeit und Umkehr. Damals hoffte ich einen Augenblick.“

Florian Hartleb

Volker Weidermann: „Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen“, 288 S., Kiepenheuer & Witsch.