Debatte am Theater Heidelberg: Die Verantwortung der Kunst im Umgang mit Populisten

RNZ-Forum “Zur rechten Stunde”

Die Verantwortung der Kunst im Umgang mit Populisten

Das RNZ-Forum diskutierte “Zur rechten Stunde – Herausforderungen für die offene Gesellschaft” – Theater als “Problematisierungsinstitutionen”?

17.05.2017

 

Das Theater und der Populismus waren Themen beim RNZ-Forum “Zur rechten Stunde” im Heidelberger Theater. Es diskutierten (von links) der Politologe Dr. Florian Hartleb, der Philosophie-Professor Andreas Urs Sommer, RNZ-Feuilletonchef Volker Oesterreich als Moderator und Marc Grandmontagne, Geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins. Foto: Joe

Von Sören S. Sgries

Regisseur Zufall hat sich eine fiese kleine Pointe für diesen Theaterabend ausgedacht. “Klong”, macht es kurz vor halb neun. Richtig laut. Richtig fest. “Klong”, als ein Passant, ein älterer Herr, sich kräftig den Kopf stößt an den riesigen Fenstern, die doch symbolträchtig für die Offenheit des Heidelberger Theaters, für die Offenheit insbesondere der Probebühne Friedrich5, stehen sollen. “Klong”. Ein Hindernis. Kaum sichtbar. Aber es trennt.

“Zur rechten Stunde – Herausforderungen für die offene Gesellschaft” war das brisante RNZ-Forum überschrieben, bei dem im voll besetzten Saal leidenschaftlich diskutiert wurde. Nicht nur im Expertenkreis, in dem RNZ-Feuilletonchef Volker Oesterreich als Moderator sanft den Philosophen Andreas Urs Sommer, den Politologen Florian Hartleb sowie Marc Grandmontagne, Geschäftsführer des Deutschen Bühnenvereins, dirigierte. Sondern auch aus dem Publikum heraus. Betroffenheit schafft Leidenschaft – dort saßen vorwiegend Theaterleute, die sich schwere Gedanken über die Aufgaben “ihrer” Bühnen machten.

Wobei:Wenn Kunst alles darf – muss sie dann auch alles können? Die Welt verbessern? Auf die Erwartungsbremse tritt Grandmontagne, als er sagt: “Die Theater leisten ihren Beitrag, den sie leisten können.” Aber als Heilsbringer der Demokratie seien sie – auch wenn es nicht nur um “schöne Kunst” gehe – überfordert.

Ins gleiche Horn stößt Kulturphilosoph Sommer. “Wir sollten uns Theater nicht vorstellen als Anstalten, die über Wahrheiten verfügen und sie in die Welt schicken”, sagt er. “Problematisierungsinstitutionen”, ja, das seien die Kulturhäuser. Ansonsten wünsche er sich aber mehr Gelassenheit – als Schweizer könne er auf zwei Jahrzehnte mit einer starken rechtspopulistischen Partei zurückblicken. Alles halb so wild. Eine Gesellschaft könne an der Herausforderung wachsen. Den politischen Diskurs habe die Entwicklung belebt.

Vielleicht ist diese fatalistische eine realistische Sicht. Im Publikum kommt sie weniger gut an. “Alle dachten, es ist ein Witz – und der Witz ist Wahrheit geworden. Das lässt mich nicht so gelassen zuschauen”, empört sich Brigitte Dethier, Intendantin des Jungen Ensembles Stuttgart, angesichts von Brexit, Trump und Co. Man müsse die “Amnesie des Bürgertums” unterbrechen, so die Stuttgarterin. “Wir müssen die Räume bieten für die öffentlichen Diskurse.” Es entspannt sich ein lebhaftes Ringen.

“Gelassen heißt nicht passiv. Überhaupt nicht. Gelassen heißt nur: nicht hysterisch”, geht Grandmontagne in Verteidigungshaltung. Auf politischer und gesellschaftspolitischer Ebene stelle er “ein Diskursdefizit und Diskursunreife” fest, so seine Analyse. Da könne das Theater zwar versuchen, zu vermitteln. “Aber wir sind kein Ersatz für politische Demokratie, die im Parlament stattfinden muss.”

Mit Hysterie, mit einer “Empörungsdemokratie” und entsprechenden Medien geht auch Politikberater Hartleb scharf ins Gericht. Warnt gleichzeitig aber vor einer zu zaghaften Verteidigung der eigenen Werte. “Wir sind in Europa ein bisschen zu naiv”, meint er mit Blick auf Putin oder Erdogan. “Unser Wertesystem wird auf die Probe gestellt.”

Philosoph Sommer hingegen wirbt weiter für seine Idee vom “großen Topf der Gelassenheit”. Beispiel: Es spreche doch nichts dagegen, die Identitätsfragen aus rechtspopulistischen Kreisen aufzugreifen – man müsse (und werde) ja nicht zu den gleichen Antworten kommen. Außerdem müsse man Grenzen einreißen. AfD-Wähler seien “keine Schufte, die man sich vielleicht in einem Schwarz-Weiß-Weltbild würde vorstellen wollen”. Dialog sei angesagt. “Die Farbe des Parteibuches sagt noch nichts darüber aus, was die Menschen in anderen Lebensbereichen leisten.”

Ausbrechen! Sie alle wollen es ja so gerne, raus aus der Theater-Blase. Gehen in die Heidelberger Stadtteile, in die Flüchtlingsarbeit. Werben um die Jugend in Leipzig und Stuttgart. “Gehen Sie in die Ecken, wo Sie normalerweise nicht sind”, bestärkt ein junger Unternehmer die Intendanten. Und muss doch gestehen: Mit seinem letzten Theaterbesuch verbinde er einen recht penetranten 4711-Duft – und Kopfschmerzen. “Klong”. Die Distanz zwischen den “Brettern, die die Welt bedeuten”, und derselbigen scheint größer als gedacht.