Der Fall “Breivik”. Was lernen wir im Umgang mit Einsamen-Wolf-Terrorismus

Einsamer-Wolf-Terrorismus bezieht sich auf intendierte Akte, die von Personen begangen werden, welche individuell operieren, nicht einer organisierten Terrorgruppe oder einem Terrornetzwerk angehören, die ohne direkten Einfluss eines Anführers oder einer irgendwie gearteten Befehls- und Gehorsamshierarchie handeln und deren Taktik und Methoden umgesetzt werden von dem Individuum ohne direkten Befehl oder direkter Führung von außen. Der Einsame-Wolf-Terrorismus ist das Produkt der Selbstradikalisierung eines Individuums. Der Auslöser ist wohl eine Mixtur aus persönlichen Kränkungen und politisch-ideologischen Motiven. Im Unterschied zum Amoklauf ist der Einsame-Wolf-Terrorismus eben politisch motiviert. Es kann hier gleichwohl gewisse Überschneidungen geben, wenn der Terrorismus im öffentlichen Raum stattfindet, der Terrorist wahllos Menschen tötet und dabei völlig emotionslos agiert. Der Amokläufer bringt in einem willkürlichen Akt jedes Opfer einzeln aus unmittelbarer Nähe und nacheinander um. Der drastische, auch von der Quantität, war der Fall in Norwegen, wo der 32-jährige rechtsterroristische Einzeltäter Anders Behring Breivik am 22. Juli 2011 erst eine Autobombe im Regierungsviertel von Oslo zur Explosion brachte, die unter anderem acht Menschen tötete. Nur wenige Stunden später richtete er, als Polizist verkleidet, auf einer kleinen Insel mit einer Schusswaffe ein Massaker an. Im Laufe von mehr als einer Stunde fielen dem Terroristen 69, meist junge Personen zum Opfer, die im Zeltlager der sozialdemokratischen Partei waren. Der perfide Akt kann nur deshalb nicht als Amoklauf bezeichnet werden, weil der Täter vor seinen Taten eine, wenn auch krude, politische Botschaft – ein Europa frei von „Kulturmarxismus und Islamismus“ – hinterließ und vorgeblich aus politisch-destruktiven Motiven handelte. Wichtiges Merkmal der Einsamen Wölfe scheint zu sein, dass sie eine Phase der eigenen Radikalisierung, die sie mitunter im stillen Kämmerlein erfuhren, neuerdings via Internet und soziale Medien erfahren. Isoliert von der Gesellschaft, scheinen sie ihre Taten professionell, gar minutiös planen zu können.

Im digitalen Zeitalter besteht verstärkt die Befürchtung, dass die unterschiedlichen Extremismen in Zukunft gestärkt durch das Internet wesentlich loser agieren, Individuen durch praktische Anleitungen wie ideologisch-fanatisches Material im Internet zu Terroristen mutieren und somit die „Propaganda der Tat“ zunimmt. Durch die Bedeutung des Internets bleibt zu erwarten, dass unsere freiheitlichen Demokratien auch in Zukunft von Einsame-Wolf-Terroristen heimgesucht werden. Bleibt uns, auf die Wachsamkeit unserer Sicherheitsbehörden zumindest zu hoffen, wenn auch nach den jüngsten Enthüllungen nicht zu vertrauen.

 

[„Einsamer-Wolf-Terrorismus“ Neue Dimension oder drastischer Einzelfall? Was lernen wir aus dem Fall „Breivik“ in Norwegen?, in:

SIAK-Journal. Zeitschrift für Polizeiwissenschaft und polizeiliche Praxis, Sicherheitsakademie (SIAK) im österreichischen Innenministerium, (2013) 4, S. 77-95).]

Link: http://www.bmi.gv.at/cms/BMI_SIAK/4/2/1/2013/ausgabe_4/files/Hartleb_4_2013.pdf