Estland on – Deutschland off. Meine Analyse in der Passauer Neuen Presse, 5. September, S. 3.

 

 

 

 

 

 

 

summary PassauerNeuePresse

 

 

Estland on, Deutschland off. Daten sind der Rohstoff des 21. Jahrhunderts. Die Esten beherzigen das im Alltag, in der Schule, in Verwaltung und Arbeitswelt. In Europa hat sich die baltische Republik an die Spitze der Digitalisierung gesetzt. Deutschland kommt als Nachzügler daher.

Zwei unterschiedliche Welten. Meine Analyse auch aufgrund meiner eigenen Erfahrungen nach meinem Umzug nach Estland 2014 heute in der Passauer Neuen Presse, Wochendendausgabe, 5. September 2020,  S. 3.

 

Ein Auszug: 

“Sommer, Sonne, Bayern – einst Slogan für eine Wahlkampagne. Doch auf die gewohnte Idylle folgte heuer ein störender Schock. Coronatests an den Autobahnen für Reiserückkehrer zur öffentlichen Sicherheit. Bayerns Behörden gaben kein gutes Bild ab, da sie offenkundig nicht zeitgemäß arbeiten. Die Pannen bei der Erfassung der Corona-Tests hatten ihre Ursache darin, dass Handschriftliches in eine Excel-Tabelle eingegeben wurde. Arbeit mit dem Bleistift. Wie vor mindestens 20 oder 30 Jahren und grotesk-peinlich. Nun beginnt das neue Schul- und Semesterjahr mit einer Zäsur, einer noch nie dagewesenen Situation. Waren digitale Schule und Bildung Nebenprodukte und Luxusprobleme, sind sie nun in Zeiten einer Vollnarkose durch den Corona bedingten Stillstand zur alternativlosen Norm geworden. Anders gesagt: Ohne den Einsatz digitaler Plattformen lässt sich Unterricht nicht mehr bewältigen. Leider haben wir allen Studien zufolge die Entwicklungen verschlafen.

Wie es anders geht, machen uns andere Länder gerade in Nordeuropa vor. Sie sind hier viel weiter, wie vergleichende Studien zur elektronischen Verwaltung, zum Breitbandausbau und zur digitalen Bildung zeigen.

Maren Krimmer, eine deutsche Dozentin, die in der estnischen Hauptstadt Tallinn lebt und als Mutter einer siebenjährigen Tochter über ihre Erfahrungen berichtet, sagte mir, dass die Pandemie sich gar nicht auf den Schulunterricht ihrer Tochter auswirkte. Es konnte weiter reibungslos gelernt und gelehrt werden. Die Kommunikation zwischen Lehrern, Schülern und Eltern sei längst institutionalisiert und im täglichen Ablauf erprobt wie bewährt. IT-Unterricht und Programmieren hätten etwa im Lehrplänen einen festen Platz, ebenso gäbe es Roboterklassen, die von den Schülern gemeinsam zusammengebaut und funktionstüchtig gemacht werden. Schüler, Lehrer und Eltern hätten ohnehin über ein jeweiliges Konto jederzeit die Möglichkeit zum Austausch. Alle Lehrer können ausnahmslos per Chat in der eigenen Plattform kontaktiert werden. Mailinglisten sind damit überflüssig. Längst gilt in Estland die Verpflichtung, alle Schulmaterialen online in einschlägige Plattformen zu stellen und Bewertung wie Betragen der Schüler einzustellen. Das Land belegte in der letzten Pisa-Studie den ersten Platz in Europa. Hierzulande schlägt Friedrich Merz gerade als Innovation vor, dass jeder Schüler eine e-mail-Adresse braucht. Das wirkt steinzeitlich, offenbart grundlegende Defizite und wird bestätigt durch Erfahrungsberichte von Eltern über die Praxis in diesen Zeiten. Auch Bayerns Schulen geben kein gutes Bild ab.”