Fake News in Corona-Zeiten. Gastbeitrag in der Passauer Neuen Presse, 20. März, S. 4

PNP neu Corona virus

 hier die ausführliche Fassung: 

Gastbeitrag, Passauer Neue Presse, 20. März 2020, S. 4

Fake news in Zeiten von Corona

 Von Florian Hartleb

Permanenter Krisenmodus, Verlust des Alltags und keine schnellen Garantien für Besserung. Im Gegenteil: Eine Rezession droht, Arbeitsplätze werden wegfallen trotz der Beteuerungen durch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier. Deutschland gilt anderorts als Risikoland. Ein einziger Alptraum: Hamsterkäufe lassen an Kriegszeiten erinnern, da angeblich die Supermärkte schließen, das Toilettenpapier ausgeht. Was ist wahr, was ist falsch? In surrealen Zeiten wie diesen ist der Bedarf an Wissen so enorm wie berechtigt. Da es kein Gegenmittel gibt, kann es weder Patentrezepte oder Lösungsmöglichkeiten geben. Wissenschaft, Regierung und Medien bemühen sich nach besten Kräften um Aufklärung, nicht um die Verbreitung von Halbwissen. Das gelingt, sieht man von  wenigen Ausnahmen, etwa der geschmacklos-makabren Satire, die auf der ARD-Jugendwelle Funk, also im öffentlich-rechtlichen Angebot lief. „Corona rafft Alte dahin, das ist nur gerecht. Immerhin hat die Generation 65 diesen Planeten in letzten 50 Jahren voll an die Wand gefahren“, hieß es dort. Freilich ist es schwer, der Aufgabe nachzukommen. Die Menschen  sind zurecht in Panik und viel in sozialen Medien aktiv, zumal viele, nicht nur Schüler nun zu Hause sind. Nicht ungefährlich in irrationalen Zeiten: Die Gerüchteküche quillt wie einst während der Flüchtlingsdiskussion vom Herbst/Winter 2015 über. Manch einer erinnert sich an den 22. Juli 2016, das OEZ-Attentat in München, als die Polizei zahlreiche Falschnachrichten erhielt. Menschen sahen, was es nicht gab – ein psychologisches Phänomen.

Bei Corona geht es darum, Menschen zu verunsichern, fragwürdige Produkte zu verkaufen oder Vorurteile über Asiaten oder Flüchtlinge zu schüren. Auf Whatsapp verbreitete sich nun etwa massenhaft Falschinformationen. Ein dubioses Video von Odysseus verspricht, dass es Informationen enthält, die von den Medien zurückgehalten werden. In einer Sprachnachricht behauptete eine Frau, angeblich die „Mama von Poldi“, also des Fußballers Lukas Podolski, die Universitätsklinik Wien habe herausgefunden, dass die Ibuprofen die Gefahr erhöhen, schnell an Covid-19 zu erkranken.  Ein Dementi der Uni half dann nur mehr bedingt, da sie unaufgefordert an andere Nutzer weiterverbreitet wird. Hier spiegelt sich ein neuer Trend wider, das Grassieren von Fake news in Zeiten von Donald Trump, Brexit und Co. Gerade deshalb ist es wichtig, besonnen zu bleiben und mit gutem Beispiel voranzugehen. Wir alle sollten den amtlichen Stellen, Bundes- und Landesregierung vertrauen, uns auf den etwa Seiten des Robert-Koch-Instituts informieren. Medienkompetenz ist nun gefragt wie nie. Wenig helfen dagegen Ratschläge, wie sie Mart Helme, Innenminister Estlands und Vorsitzender der radikalen Partei dort, ausgab, Er riet nach dem Ausbruch von Corona dazu, wieder die alten Hausmittel zu verwenden. Wickeln und warme Socken hätten schließlich in seiner Jugend auch gewirkt. Besonnenes Krisenmanagement steht an vorderster Stelle. Auch wenn die Grenzen geschlossen werden: Nur vereint können wir die Krise lösen, in Bayern, Deutschland, aber auch Österreich und Italien. Eines unbestimmten Tages werden wir umso mehr schätzen, was Reisefreiheit bedeutet, soziale Kontakte wert sind und Massenveranstaltungen bedeuten. Hier kommt die Identität ins Spiel. Zu „Hause ist aller Anfang“ und „Verzögerung ist Leben“, wie sich die konservative Philosophie von Lord Salisbury (1830-1903), langjähriger Premierminister von Großbritannien, zusammenfassen lässt.  Diese Worte hatten noch nie mehr Gültigkeit als jetzt.

Florian Hartleb ist ein aus dem Landkreis Passau stammender Politikwissenschaftler, der in Tallinn/Estland lebt. Er hat 2004 zum Populismus promoviert. 2017 hat er das Buch „Die Stunde der Populisten. Wie sich unsere Politik trumpetisiert und was wir dagegen tun können“ veröffentlicht.