Flüchtlingsstrom überfordert Wirtschaft und Arbeitsmarkt in Deutschland

Deutscher Mittelstandschef Mario Ohoven im Interview mit der Wiener Zeitung am 4. Dezember 2015:

  • Der deutsche Mittelstandspräsident Mario Ohoven fordert Ausnahmen beim Mindestlohn für Flüchtlinge und betrachtet das Erlernen der deutschen Sprache als Basis für Integration.

Wien/Berlin.

“Wiener Zeitung”: Reichen die Kapazitäten am deutschen Arbeitsmarkt aus, um die Neuankömmlinge in Beschäftigung zu bringen?

Mario Ohoven: Nein, die Flüchtlinge von heute können bestenfalls die Fachkräfte von übermorgen sein. Die Vermittelbarkeit in die Betriebe steht und fällt mit den Deutschkenntnissen. Für über 80 Prozent der mittelständischen Unternehmer, das wissen wir aus einer aktuellen Umfrage, ist es ein Ausschlusskriterium, wenn ein Flüchtling kein Deutsch kann. Nicht nur der deutsche Arbeitsmarkt ist mit dem anhaltenden Flüchtlingszustrom überfordert. Politik und Behörden haben die Lage nicht im Griff. Das gilt umso mehr, wenn die Flüchtlinge noch ihre Angehörigen nachholen. Dann sind wir in Deutschland schnell bei fünf, sechs oder noch mehr Millionen Flüchtlingen. Das kann den deutschen Sozialstaat laut der bayerischen Wirtschaftsministerin Ilse Aigner bis zu 90 Milliarden Euro kosten, fast ein Drittel des Bundeshaushalts.

In welchen Bereichen ist der Unmut groß, und wo gibt es Bedarf?

Unmut gibt es in allen gesellschaftlichen Bereichen. Die Menschen haben die große Sorge, dass Deutschland die Herausforderung nicht bewältigt. Beschäftigungschancen gibt es vor allem am Bau und in der Industrie, weniger im Handel. Im Mittelstand herrscht heute schon in vielen Branchen und Regionen akuter Fachkräftemangel. Jeder zweite deutsche Mittelständler sucht momentan Fachkräfte.

Wie sieht es speziell bei den klein- und mittelständischen Unternehmen aus?

Der Mittelstand sieht in unserer repräsentativen Umfrage die Beschäftigungsentwicklung in Deutschland in einem schlechten Licht. Bis Ende 2017 erwarten die Unternehmer eine deutliche Abkühlung des Arbeitsmarktes. Mehr als 64 Prozent gehen davon aus, dass die Arbeitslosenquote steigen wird. Gleichwohl kann und will der deutsche Mittelstand seiner gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden: Die Unternehmen können nach eigener Einschätzung die Integration der Flüchtlinge vor allem mit der Bereitstellung von Ausbildungsplätzen (fast 62 Prozent), Arbeitsplätzen (fast 56 Prozent) und unbezahlten Praktikumsplätzen (mehr als 47 Prozent) unterstützen.

Welche Bedenken haben kleine und mittlere Unternehmer?

Haupthindernis, das belegt auch unsere Umfrage, ist die fehlende Deutschkenntnis. Dazu kommt das mangelnde Qualifikationsniveau. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles sagte bereits vor Wochen im Deutschen Bundestag, dass nicht einmal jeder zehnte Flüchtling ausbildungs- und arbeitsmarkttauglich ist. Gerade kleine Unternehmen können zudem Flüchtlingen nicht den staatlich festgesetzten Mindeststundenlohn von 8,50 Euro zahlen. Unsere Unternehmer können nur dann Mitarbeiter mit geringerer Produktivität beschäftigen, wenn die Löhne wirtschaftlich verkraftbar sind. Beim Mindestlohn muss es Ausnahmen für Flüchtlinge geben.

Wie ist es um den Fachkräftemangel in Deutschland bestellt und was muss aus ihrer Sicht geschehen, dass Asylberechtigte und Migranten stärker in Fachberufe geholt werden?

Wir setzen uns für eine schnelle Integration von Flüchtlingen mit Bleibeperspektive ein. Flüchtlinge, die arbeiten wollen, gilt es zu unterstützen. Zum Beispiel durch schnelle Integrationskurse und den Berufsschulbesuch für 16- bis 25-jährige. Deutschkurse müssen für alle Asylsuchenden verpflichtend sein, besonders eine berufsbezogene Sprachförderung. Einige Ausbildungsberufe, in denen der Fachkräftemangel groß ist, beispielsweise im Handwerk, sind besonders aufnahmefähig für Flüchtlinge. Qualifikation ist wichtig, aber es steht und fällt mit dem Spracherwerb.

Wie groß ist die Gefahr von Lohndumping und einem Verdrängungskampf – bei den Fachkräften aber auch den Niedrigqualifizierten?

Die Gefahr von Lohndumping sehen wir nicht. Allerdings müssen die geltenden Regeln dringend angepasst werden. Ein Beispiel sind Ausnahmen für Flüchtlinge vom Mindestlohn, um sie schneller in den Arbeitsmarkt integrieren zu können. Und wir müssen die geförderte Berufsausbildung für Asylbewerber mit Bleibeperspektive und für Geduldete öffnen, die eine Ausbildung in Deutschland gefunden haben. Bisher gibt es da eine Wartefrist von 15 Monaten – das geht an der Realität vorbei und ist kontraproduktiv für die Integration.

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Link:

http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/oesterreich/politik/789680_Der-deutsche-Arbeitsmarkt-ist-vom-Fluechtlingsstrom-ueberfordert.html