Gastbeitrag in der Passauer Neuen Presse zu den virtuellen Tätertypen (17.1.2019)

Die neue Gefahr durch virtuell vernetzte Tätertypen

Passauer Politologe Hartleb fordert im PNP-Gastbeitrag neue Strategien gegen Cyber-Kriminalität – Einzeltäter geben sich oft im Netz zu erkennen

Auf Cyber-Angriffe von Einzeltätern ist Deutschland nicht vorbereitet, warnt Florian Hartleb. −Foto: dpa/Merila
Auf Cyber-Angriffe von Einzeltätern ist Deutschland nicht vorbereitet, warnt Florian Hartleb. −Foto: dpa/Merila

Der Hacker aus Hessen hatte einen Hass auf die Politik, postete islamfeindliche und rechtsextreme Kommentare und war beeinflusst von einschlägigen You-Tube-Kanälen, die eine Mischung aus Jugendkultur und politischem Radikalismus abbilden. Auffällig war, dass er Politiker der Alternative für Deutschland (AfD) bewusst verschonte. Er äußerte, die Partei sei ihm fast zu harmlos, um gegen die “linksversifften Gutmenschen” vorzugehen. Wie der Münchner Täter, ebenfalls ein Rassist, verschanzte er sich im Kinderzimmer. Gleichwohl wäre die Annahme falsch, wonach derartige Einzeltäter im sozialen Vakuum leben. Die jungen Männer an der Schwelle zum Erwachsenwerden ergehen sich in Gewaltphantasien, finden etwa, wie der Münchner Täter, über die Spieleplattform “Steam” Gleichgesinnte. Ihr Fanatismus findet die Projektionsfläche in der Möglichkeit einer 24-Stunden-Kommunikation und Interaktion – und das bequem von Zuhause aus.

Die populärste Spieleplattform Steam wächst und wächst. Jüngsten Zahlen zufolge nutzen sie 33 Millionen Nutzer, davon bis zu 14 Millionen gleichzeitig. Unter Hunderttausenden von Spielern, die jeden Tag allein Counterstrike spielen, können sie sich leicht verbergen. Während der Games sind Text- und Voicechats möglich – eine ideale Plattform, um sich kennenzulernen. Ermittler können die schwarzen Schafe nur schwer ausfindig machen. Am effizientesten scheint es daher, wenn Spieler untereinander Verstöße melden könnten, wenn ihnen aggressives, hasserfülltes Verhalten auffällt.

Der Hacker war der Staatsanwaltschaft bereits zuvor mit dem Ausspähen von Daten aufgefallen. David S. hingegen war ein unbeschriebenes Blatt, obwohl er sich über das Darknet eine Waffe besorgte und über Steam in einem Anti-Flüchtlingsclub mit einem späteren US-Schulattentäter aus New Mexico vernetzt war.

Vorbeugend sollte im Sozialkundeunterricht der virtuell ablaufende Radikalisierungsprozess genauer untersucht werden – mitsamt der eigenen Sprache in Chats. Um hier Schritt zu halten, ist die Schulung digitaler Kompetenzen unabdingbar – im Erlebnisraum Schule selbst. Es gibt immer noch Lehrkörper, die von der Dynamik in virtuellen Welten keine Ahnung haben.
Soziale (aber auch politische) Kommunikation hat sich grundlegend gewandelt. Auch die Vorstellungen von Extremismus und Terrorismus sind an die neuen Realitäten anzupassen. Es braucht eben kein Parteibuch, keinen Mitgliederausweis in einer Organisation mehr. Insgesamt verlangt die Prävention eine auf den ersten Blick paradox anmutende Strategie. Im virtuellen Leben ist es notwendig, auffällige Aggressoren sozial zu isolieren und rechtsextremistische Kommunikationsbrücken auf virtuellen Plattformen wie Steam zu zerschlagen. Einzeltäter können umso eher an ihr Ziel gelangen und Anschläge durchführen, wenn sie sich mit Gleichgesinnten austauschen können. Im realen Leben müssen die oft sozial isolierten Menschen die Bindungen an die Gesellschaft zurückgewinnen und reintegriert werden. Hier sind pädagogische und psychologische Angebote gefragt, etwa auch im Umgang mit Persönlichkeitsstörungen.

Spätestens hier stellt sich die Frage nach dem Selbstverständnis moderner Gesellschaften, die angehalten sind, feinere Sensoren für narzisstische Muster und rechtsextremistisch motivierte Botschaften zu entwickeln. Schließlich sind neue, virtuell vernetzte Tätertypen entstanden, die in der Gesellschaft wie Öffentlichkeit nach wie vor nur sporadisch als Gefahr wahrgenommen werden, einer allgemeinen Gleichgültigkeit geschuldet. Die Behörden meiden die notwendige Debatte darüber, dass neue Pfade beschritten werden müssen, um rechte Gewalt erkennen zu können – wenn man das will. Die digitale Welt erfordert aber neue Maßnahmen, und zwar sofort.

Der Passauer Politikwissenschaftler Florian Hartleb hat im Oktober 2018 das Buch “Einsame Wölfe. Der neue Terrorismus rechter Einzeltäter” bei Hoffmann und Campe veröffentlicht.

Florian Hartleb