Gespräch mit ARD-Fakt zum Terror von Halle (15.10.2019)

PSYCHOGRAMM DES HALLE-ATTENTÄTERS

Stephan B. hat sich im Internet radikalisiert

Das Entsetzen ist groß nach dem Attentat von Halle. Ein inszeniertes Massaker sollte es werden. Christian Bergmann berichtet für “FAKT” über die Geschehnisse. 

Ich habe mit Herrn Bergmann gesprochen, an der Fachhochschule der Polizei in Sachsen-Anhalt, wo ich unterrichtete.   

Nach dem Attentat von Stephan B. in Halle wird die Kritik an der Ermittlungsarbeit der Polizei immer lauter. Extremismusforscher Florian Hartleb erklärt, den selben Tätertypus habe es mit David Sonboly schon vor drei Jahren gegeben. Sonboly hatte am 22. Juli 2016 im Alter von damals 18 Jahren neun Menschen mit Migrationshintergrund in München erschossen. “Der Täter war ähnlich sozial isoliert, vernetzt, auf einer Spieleplattform, auch stark mit der Spielesprache”, erklärt Hartleb die Lebenswelt der beiden Attentäter. Stephan B. als auch Sonboly hätten das Ziel gehabt, “die Opfer zu verhöhnen”, ihr Waffenmaterial besorgten sie im Darknet.

Rechtsterrorist Anders Behring Breivik als Vorbild

Der Rechtsterrorist Anders Behring Breivik hatte im Juli 2011 zunächst acht Menschen bei einem Bombenanschlag in Oslo getötet und anschließend auf der Insel Utøya 69 Teilnehmer eines Sommerlagers der sozialdemokratischen Jugendorganisation erschossen. Er wurde 2012 zur in Norwegen geltenden Höchststrafe von 21 Jahren Haft und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt und sitzt in Isolationshaft.

Breivik hatte ein mehr als 1.500 Seiten umfassendes sogenanntes Manifest geschrieben, in dem er seine menschenverachtende Ideologie darlegte. Kurz vor dem Attentat machte er es über das Internet der Öffentlichkeit zugänglich. Nach seiner Schreckenstat wurde viel darüber berichtet. Das war es, was Breivik gewollt hatte: viel Aufmerksamkeit.

Für die neue Tätergeneration in Deutschland und weltweit ist Breivik ein Vorbild. Sonboly beging sein Attentat am gleichen Datum wie Brevik, am 22. Juli. Sonboly hatte sich auf ähnlichen Internetforen radikalisiert wie Stephan B., benutzte exakt dieselben menschenverachtenden Begriffe und war rechtsextrem. Die Ermittlungen in München ergaben zahlreiche Anhaltspunkte für ein rechtextremes Motiv hinter der Tat. Sonboly war stolz, am gleichen Tag wie Hitler geboren zu sein. Auf seinem Rechner hinterließ auch er eine Art krudes Manifest.

Fehleinschätzung im Attentat-Fall Sonboly

Trotz des klaren rechtsextremen Motivs des Täters von München wollte die bayerische Staatsregierung jahrelang von Rechtsterrorismus nichts wissen. Innenminister Herrmann sagte damals, jeder müsse selbst entscheiden, wie er das einordnen wolle. 

Es ist natürlich fatal, wenn hier alle Kriterien eines Rechtsterroristen, der als Einzeltäter gehandelt hat, erfüllt sind und man dann davon spricht, dass es eine unpolitische Tat war. Deswegen ist es natürlich im Grunde auch eine gewisse Bankrotterklärung, die man hier abgeliefert hat.

Florian Hartleb, Extremismusforscher FAKT
Florian Hartleb
Florian Hartleb, Extremismusexperte
BILDRECHTE: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Fehleinschätzung im Fall Sonboly hat viele Fehler nach sich gezogen. Die Einstufung als unpolitischer Einzeltäter führte dazu, dass das internationale rechtsextreme Netzwerk, das Sonboly umgab, nicht weiter im Fokus der Ermittler stand. Ein Gesinnungsgenosse und enger Chat-Partner von Sonboly, auf den es klare Hinweise und Zeugenaussagen als möglichen Attentäter gab, verübte Monate später eine Nachahmungstat in den USA und tötete zwei Menschen. Erst dann fingen die deutschen Behörden an, das virtuelle Netzwerk zu untersuchen. Doch wichtige Zeugenaussagen wurden zwischen den Ermittlungsbehörden nicht weiter gegeben. Das bis heute gültige LKA-Gutachten über den Münchner Attentäter basiert auf Fehleinschätzungen. Ein Abschlussbericht liegt heute – über drei Jahre nach der Tat – immer noch nicht vor.

Der Attentäter in Halle lebte und agierte virtuell wie der Attentäter von München. Mit der Erkenntnis hätte man im Internet nach Nutzern mit dem selben Tätermuster suchen können. Doch aufgrund der fehlerhaften Ermittlungen nach dem Attentat von Sonboly flossen lange keine konkreten Erkenntnisse in die praktische Polizeiarbeit und Personalplanung ein.   

 

Gamifikation – Attentate wie im Computerspiel

In Halle lief der Rechtsradikale Stephan B. Amok und tötete zwei Menschen. Ein Einzeltäter aber kein Einzelgänger. Die Tat weist viele Parallelen zum Attentat in München 2016 auf.

FAKT Di 15.10.21:45Uhr07:36 min

Fakt

 

Links:  

https://www.mdr.de/nachrichten/politik/gesellschaft/psychogramm-des-attentaeters-aus-halle-expertenmeinung-zur-person-und-radikalisierung-100.html?fbclid=IwAR1fhPxrbAwQF40DRiMG6Lkc1ef82WvO8CIevH-pwU6jDaXR_k3QA2n993Y

https://www.mdr.de/nachrichten/politik/inland/taetermuster-des-attentaeters-von-halle-hat-bekannte-vorbilder-100.html