Hinschauen statt Wegsehen. Ein Jahr nach dem Terroranschlag in Halle (Gastbeitrag in der Passauer Neuen Presse, 9. Oktober

Hinschauen statt Wegsehen. Ein Jahr nach dem Anschlag von Halle gilt der Kampf gegen rechten Terror als zentrale Herausforderung des Staates.
 
Mein Gastkommentar in der heutigen Passauer Neuen Presse, S. 2
“Heute genau vor einem Jahr erschütterte der Anschlag in Halle Deutschland und die Welt. Ein 27-Jähriger, der Studienabbrecher Stephan B. aus Sachsen-Anhalt, der im wirklichen Leben nie etwas verdiente, unternahm am helllichten Tag in Halle einen Anschlagsversuch auf eine jüdische Synagoge. Als er sich keinen Zugang verschaffen konnte, ermordete er zwei Menschen. Er drang in einen nahe gelegenen Dönerladen ein und floh anschließend zunächst. Die Hetzjagd filmte er via Helmkamera, lud das Video in einschlägige Foren hoch. Ganze Schulklassen bekamen das Morden im Livestream auf ihre Mobilgeräte zugespielt. Nur weil der Täter in der Umsetzung scheiterte, fielen dem Terroranschlag nicht mehr Menschen zum Opfer. In der Synagoge befanden sich am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur Dutzende Menschen. In Halle ist der Alltag wieder eingekehrt: Die beschädigte Holztür der Synagoge wurde mittlerweile ausgetauscht. Der Dönerladen ist wieder in Betrieb.
Der Täter hasste Juden, Muslime und Frauen und sah sich als Teil einer Spielewelt. Er sprach von Fans. Er wollte zwei Ebenen ansprechen: eine Weltöffentlichkeit, weshalb er Englisch sprach, sowie seine Online-Subkultur, in der er fest verhaftet war. Der Einzeltäter stellt naturgemäß das eigene “Ich” in den Vordergrund, gibt aber vor, bei einer breiteren Öffentlichkeit Gehör zu finden sowie Angst und Schrecken zu verbreiten. Ein Einzeltäter in der Tatausführung, aber kein Einzelfall.
Der Prozess gegen ihn zeigt ein eiskaltes Vorgehen aus weltanschaulichen Gründen. Er zeigt aber auch, dass man sich schwertut, in die virtuellen Parallelwelten einzutauchen. Der Täter hat sich etwa über die von Millionen genutzte Spieleplattform “Steam” radikalisiert. Er nutzte keine sozialen Medien, auch kein Smartphone, da er der Meinung war, dass man abgehört werde und alles nachverfolgbar sei. So isoliert er im sozialen Leben war, zeigt sich doch, wie anschlussfähig Ideen des Hasses offenbar sind.
Der Anschlag hat das Bewusstsein verändert. Solche Taten werden nicht länger als unpolitischer Akt eines verwirrten Einzelgängers abgetan. Rechter Terror gilt mittlerweile als zentrale Herausforderung, mehr noch als der islamistische Fundamentalismus. Bundesinnenminister Horst Seehofer und Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble sprechen neben den Sicherheitsbehörden davon, die Gefahr (zu) lange unterschätzt zu haben. Nun wurde einiges von staatlicher Seite unternommen: Im Januar 2020 wurden Combat 18, Gruppe Deutschland – eine gewaltbereite rechtsextreme Organisation – und erstmals ein Reichsbürgerverein verboten. Die Identitären werden als rechtsextrem eingestuft, ebenso der “Flügel”, ein wichtiger Teil innerhalb der Alternative für Deutschland (AfD) um Björn Höcke. Bayern will die Reichskriegsflagge verbieten lassen. Am Anfang ist aber immer noch die Gefahr durch Online-Spiele, die eigene Welt von Menschen wie dem Täter von Halle. Dass der Glaube an die jüdische Weltverschwörung längst wieder in der Gesellschaft angekommen ist, zeigen die Verschwörungstheorien, die im Zuge der Covid-19-Pandemie kursieren, aber auch Verbalradikalismen. Bill Gates wird etwa als Schuldiger ausgemacht oder auch George Soros. Der Investor stammt aus einer jüdischen Familie. Es schlägt die Stunde von Akteuren, die in Parallelwelten “trommeln” und von Corona-Diktatur reden.
Nicht nur der Staat wird neu herausgefordert. Wir als Gesellschaft sollten den Tatsachen ins Auge sehen: Wir kehren nach Attentaten bereits nach wenigen Tagen zur normalen Ordnung zurück. Lediglich im Laufe von Prozessen, wie gegen den Täter von Halle, flackert die Erinnerung wieder auf. Dabei sollten wir uns einem strukturellen Problem stellen: die politische Mobilisierung mit rassistischen, ausgrenzenden Untertönen.”
 
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https://plus.pnp.de/ueberregional/politik/3808008_Hinschauen-statt-wegsehen.html?fbclid=IwAR0dmHfmvUGyAgjmd40jH0obIEU1tv-Il98e0QVTtL0pS9FsJNCXtAX-gpo
 
ein Jahr nach Halle