Interview in der Neuen Zürcher Zeitung zum Terroranschlag von Neuseeland (15. März)

Neue Zürcher Zeitung, 15. März 2019

Extremismusexperte über den Attentäter von Christchurch: «Breivik war sein Vorbild»

Der Attentäter von Christchurch habe als einsamer Wolf gehandelt und sich offenbar den Massenmörder von Utöya zum Vorbild genommen, sagt der deutsche Extremismusforscher Florian Hartleb. Für einen rechtsterroristischen Anschlag dieser Grösse habe es Anzeichen gegeben.
 

Daniel Steinvorth 
 
Herr Hartleb, Sie haben das Manifest des Attentäters von Christchurch gelesen.Was steht da drin?
 
Da steht, dass der Täter sich gegen «Massenimmigration» in Europa wehrt. Dass die hohen Geburtenraten in der islamischen Welt ein Alarmzeichen seien. Und dass es für ihn zwei zentrale Anlässe gegeben habe, um zu handeln: den Terroranschlag in Stockholm vom April 2017 und die Präsidentschaftswahl in Frankreich im Mai 2017.
 
Bei dem Anschlag in Schweden wurden fünf Menschen von einem usbekischen Migranten mit einem Lastwagen getötet. Bei der Wahl in Frankreich verlor Marine Le Pen, die Chefin des Front national, gegen Macron. Das bewog den Attentäter zum Massenmord?
 
So schreibt er es jedenfalls. Er erklärt auch, dass er kein Mitglied einer Organisation oder Partei sei. Und er behauptet, dass er kurz Kontakt mit Anders Breivik gehabt habe, dem norwegischen Massenmörder. Breivik war offenbar sein Vorbild.
 
Können wir davon ausgehen, dass er auf eigene Faust gehandelt hat?
 
Ich denke, es handelt sich um einen klassischen «lone wolf», einen einsamen Wolf. Er schreibt in seinem Manifest, dass er im Sinne Millionen anderer Weisser handle. Mit den Tempelrittern, der gleichen fiktiven Organisation, der Breivik angeblich angehört hat, will er auch zu tun gehabt haben .Auf den Terroranschlag hat er sich offenbar seit langer Zeit vorbereitet.
 
Warum bezieht sich der Attentäter auf Europa, wo er doch selber Australier ist?
 
Nun, er sieht sich selber als Europäer.Australien und Neuseeland sind für ihn Kolonien, und er spricht von der übergreifenden «weissen» Kultur.Aus seinem weissen Überlegenheitsgefühl macht er kein Hehl. Er bezeichnet sich offen als rassistisch, und er beruft sich auf ein weiteres Vorbild, den faschistischen britischen Parlamentsabgeordneten Oswald Mosley.
 
Spätestens seit dem Massenmord in Norwegen sollten uns rechtsterroristische Anschläge nicht überraschen.War es nur eine Frage der Zeit, bis es wieder zu einem Anschlag dieser Grösse kommen würde?
 
Es gab auf jeden Fall Anzeichen dafür. Die westlichen Gesellschaften werden durch die Flüchtlingsdebatte zunehmend polarisiert. Die Gefährdung durch Einzeltäter, die sich durch das Internet radikalisieren und die sich andere Einzeltäter zum Vorbild nehmen, ist viel grösser geworden.
 
Wenn heute von einsamen Wölfen die Rede ist, denkt jeder an islamistische Gewalttäter …
 
Das ist ein Fehler. Nach den Anschlägen in Norwegen hat Barack Obama warnend darauf hingewiesen, dass von den einsamen Wölfen die grösste Gefahr ausgehe, und er dachte dabei natürlich nicht nur an die Islamisten. Heute erleben wir eine enorme Verrohung in den sozialen Netzwerken, Verschwörungstheorien machen die Runde, Leute sprechen von «Umvolkung».
 
Konzentrieren wir uns also zu sehr auf die islamistischen Terroristen und vernachlässigen die Rechtsterroristen?
 
Ja.Wobei ich vor allem ein Problem damit habe, dass wir die Terrorgefahr von rechts entpolitisieren. Ich war selber Gutachter in dem Fall von München . . .
 
… als der 18-jährige Schüler David Sonboly im OlympiaEinkaufszentrum neun Personen tötete, die allesamt einen Migrationshintergrund hatten oder Sinti waren.
 
Da wurde in erster Linie auf die psychischen Befindlichkeiten des Täters geschaut und darüber gesprochen, dass er unter Mobbing gelitten habe. Aber psychisch auffällig sind natürlich auch etliche der islamistischen Einzeltäter gewesen. Eine starke politische Motivation gab es auch bei David Sonboly, insofern dürfen solche Fälle nicht allein psychologisiert werden.
 
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