Interview in der Wiener Zeitung zu den Terroranschlägen von Christchurch/Neuseeland

Wiener Zeitung vom 15. März 2019
CHRISTCHURCH

“Dieser Fall ähnelt stark dem von Franz Fuchs”

Terrorexperte Florian Hartleb zur Bluttat an Muslimen in Neuseeland:  Hätte auch in Deutschland, Österreich, Schweden passieren können.

- © Wikimedia User J.-H. Janssen
- © Wikimedia User J.-H. Janssen

Wiener Zeitung: Der Täter von Christchurch erinnert an Anders Behring Breivik. Sehen Sie das auch so?

Florian Hartleb: Ich sehe das sehr stark so, nachdem ich das “Manifest” des Täters gelesen habe. Er sieht Breivik als Idol, sagt, dass er kurz Kontakt zu Breivik hatte, und er hat gewisse Formen von Breiviks ?Manifest? in sein eigenes implementiert. Er sagt, er sei Faschist und kein Neonazi und dass es ihm sehr stark um Widerstand gegen hohe Geburtsraten in islamischen Ländern gehe. Und er ist gegen Massimmigration. Auch die Ausführung in Echtzeit, als Live-Video, dieses Abknallen von Leuten: Das ist sehr stark parallel zu Breivik. Auch das Gefühl der Überlegenheit der Weißen. Es handelt sich hier um einen rechtsextremistischen Einsamen-Wolf- Terrorismus.

Der Täter sagt in seinem ?Manifest? selber, dass er kein Mitglied einer Partei oder Organisation war. Er hat sich in virtuellen Räumen radikalisiert. Es ist ein ähnlich gearteter Fall wie damals in Österreich Franz Fuchs. Ein sozial isolierter Einzelgänger, der sich über einen längeren Zeitraum radikalisiert hat und die Taten über einen längeren Zeitraum perfide geplant hat. Der Täter von Christchurch in Neuseeland betrachtet sich als Europäer, er sieht Australien als europäische Kolonie, er ist stark in einen europäischen Kontext eingebunden. Es hätte auch in Großbritannien, Deutschland, Österreich, Frankreich oder Schweden passieren können. Der Täter beruft sich auf andere Einzeltäter aus Europa. Er hat das sehr genau und professionell geplant.

Jetzt agieren diese Einzeltäter nicht in einem Vakuum. Tatsache ist, dass derzeit weltweit xenophobe, populistische Parteien Konjunktur haben. Inwieweit haben Parteien wie die AfD oder auch US-Präsident Donald Trump, der ja ein Einreiseverbot für Muslime erstreiten wollte, Einfluss auf diese Taten?

Sie haben jetzt eine Partei vergessen: Die FPÖ, die Regierungspartner ist und stark auf Migrantenfeindlichkeit setzt. Das ist der grassierende Diskurs. Der Täter von Neuseeland spricht auch von geheimen Migrationsplänen. Das sind Verschwörungstheorien. Die “Umvolkung”, die von langer Hand geplant ist. Ich erinnere an das Buch von Thilo Sarrazin “Deutschland schafft sich ab”, das auch in Österreich viel Zuspruch gefunden hat. Dieser Diskurs ist sehr virulent und kann dazu führen, dass es ein Schattenprodukt gibt. Auffällig bei dem Täter in Neuseeland ist, dass er sagt, dass er am Leben bleiben will. Er will 27 Jahre im Gefängnis bleiben genauso wie Nelson Mandela in Südafrika. Er setzt sich damit auseinander, ob er selbst in die Annalen eingeht.

Der Terrorismus ist ja ein Kind seiner Zeit. In den 1970ern die linksextreme RAF, jetzt, in den letzten Jahren, islamistische Terroranschläge. Kommt jetzt das Zeitalter des rechtsradikalen Terrorismus?

Vor allem nimmt im virtuellen Zeitalter der Typus des einsamen Wolfes zu. Franz Fuchs hat in den 1990er Jahren noch alles auf seiner Schreibmaschine abgetippt. Heute nimmt die weltweite Vernetzung zu, auch über Spiele-Plattformen und natürlich der Bezug aufeinander in Form von Nachahmungstaten. Terrorismus jeglicher Couleur geht in Richtung Einzeltäter. Aber im Hinblick auf Rechtsextremismus: Es häufen sich die Fälle und die Gefahr nimmt zu. Was beängstigend ist, ist die Globalisierung des Rechtsextremismus. Der Täter bezog sich ja auf Europa.

Kann man solche Taten verhindern?

Das ist durch das soziale Umfeld möglich. Es gibt Warnzeichen und Spuren im Internet. Aber es ist wie die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen.

Link: 

https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/politik/welt/2001716-Dieser-Fall-aehnelt-stark-dem-von-Franz-Fuchs.html