Interview mit dem Donaukurier zu den Parallelen des Rechtsterrorismus von Christchurch und München (26.3)

 

“Wir sind nicht vorbereitet”

Donaukurier vom 26. März 2019

Gutachter zum Münchner Amoklauf warnt vor weiteren Taten rechtsextremistischer Einzelgänger 

München/Passau (DK) Der Passauer Politikwissenschaftler Florian Hartleb war einer der Gutachter zum Amoklauf in München 2016. Er warnte schon früh, dass es sich bei dem Täter eher um einen im Internet sozialisierten Rechtsextremen und weniger um einen psychisch Kranken handelt.
 

Politikwissenschaftler Florian Hartleb.
Politikwissenschaftler Florian Hartleb.

privat

Im Interview mit unserer Zeitung erklärt er, warum der Amoklauf von München und Terrorattacke im neuseeländischen Christchurch viel miteinander zu tun haben. Erst im vergangenen Jahr erschien bei Hoffmann & Campe sein Buch “Einsame Wölfe”. Hartleb fürchtet nun weitere Taten.

Herr Hartleb, im Juli 2016 ermordete ein 18-Jähriger bei einem Amoklauf in München neun Menschen. Die Behörden neigen dazu, von einem psychisch Kranken zu sprechen, von einem jungen Mann, der gemobbt wurde. Sie haben als Gutachter immer auf die rechte Gedankenwelt und rechte Kontakte des Täters hingewiesen. Muss man die Tat von München nach der jüngsten Tat im neuseeländischen Christchurch neu bewerten?

Florian Hartleb: Es ist höchste Zeit, die Gewaltexzesse von Einzeltätern als akute Bedrohung wahrzunehmen und zu erkennen. Dazu gehört die Einsicht, dass diese Bedrohung bislang nur unzureichend charakterisiert wurde, terroristische Gewalttaten von rechts fast immer jeden politischen Anspruchs beraubt werden. So taucht die Tat von München durch David S. bis heute nicht im Verfassungsschutzbericht auf und wird durch Bayerns Behörden als unpolitischer Amoklauf gewertet, obwohl keiner eine geschlossen rechtsextremistische Gesinnung des Täters in Frage stellt. Der bayerische Landtag hat auch nach unter anderem meinem Gutachten fraktionsübergreifend einen neuen Bericht gefordert, der aber aussteht. Nach der Analyse von Fällen aus Deutschland, aber auch aus anderen Ländern in Europa, komme ich zum Schluss: Wir sind bislang nicht auf diese Art von Gefährdung vorbereitet, verbinden wir doch Terrorismus mit festen Netzwerken und Strukturen sowie mit einer sorgsamen Planung, die eine hohe operative Intelligenz erfordert. Einem Einzeltäter traut man es scheinbar nicht zu, sich ohne direkte Anbindung an eine Gruppe derart zu radikalisieren und danach unter dem Denkmantel von politischem Fanatismus in Eigenregie loszuschlagen. Das ist jetzt in Christchurch passiert, ebenfalls am 22. Juli 2016 in München.

Welche Parallelen gibt es zwischen Christchurch und München?

Hartleb: Die Täter waren nicht Mitglied einer Partei oder Organisation, teilten aber eine Ideologie des Hasses. Sie waren sehr stark im virtuellen Raum aktiv, in Spielplattformen, aber auch in Chats mit Gleichgesinnten. Sie hassten andere ethnische Gruppen, schrieben ein Manifest und sahen es auf Menschen von ebendiesen Gruppen ab. Dazu sahen sie in Anders Breivik ein Idol. Der Norweger hat am Tag genau fünf Jahre vor München, am 22. Juli 2011, nach einer diabolischen Choreographie 77 Menschen, darunter viele Jugendliche, ermordet. Wichtig ist auch, dass beide ihre Taten lange planten, also keineswegs spontan handelten.

Sie haben auch das Manifest des Täters von Christchurch gelesen?

Hartleb: Ja, es ließ sich leicht im Internet finden. Es ist im Frage-und-Antwort-Stil geschrieben. Der Täter sieht sich als Freiheitskämpfer und Faschist, beruft sich auf andere Einzeltäter.

Beide, der Münchner Täter wie der Täter von Neuseeland, berufen sich also auf die selbe Vorgeschichte? Lebten diese beiden in derselben Gedankenwelt?

Hartleb: In der Welt, welche die weiße Rasse bedroht sieht. Der Münchner sprach davon, München, sein Vaterland befreien zu wollen. In beiden Fällen ist das zunächst eigenartig: Der Münchner ist hier geboren, seine Eltern kamen aber als iranische Flüchtlinge nach Deutschland. Der Australier ist ja eigentlich weit weg von den Zuständen in Europa. Er hat sich auch durch eine Reise durch Europa radikalisiert. Beide Täter waren international vernetzt, der Münchner über die Spieleplattform Steam mit jemand aus New Mexico, der dann im Dezember 2017, also eineinhalb Jahre später losschlug.

Welche Gedankenwelt ist das? Können Sie das beschreiben?

Hartleb: Ich spreche von einer persönlichen Kränkungsideologie, also der Mischung aus persönlichen Frustrationen und politischen Motiven. Immer lässt sich auch ein Radikalisierungsprozess nachweisen. Es gibt auch einen auslösenden Moment. Der Täter von Chrirstchurch gab Ereignisse aus dem Jahr 2017 an, die Niederlage der Rechtsextremistin Marine Le Pen bei den französischen Präsidentschaftswahlen.

Haben wir unser politisches Weltbild ein wenig so eingerichtet, dass islamistische Täter immer religiös verblendete Terroristen sind, rechtsextremistische Täter hingegen eher psychisch labile Gestalten? Und falls das so sein sollte, ist das nicht gefährlich?

Hartleb: Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann negiert die Einstufung als rechtsextremistische Tat deswegen, weil David S. niemals in seinem Leben Teil einer rechtsextremistischen Organisation war. Diese Argumentation geht aber von einem stark antiquierten Verständnis aus, welches im virtuell geprägten Zeitalter des Einsamer-Wolf-Terrorismus längst nicht mehr zeitgemäß und obsolet geworden ist. Hätte man bei David S. einen Mitgliedsausweis von einer rechtsextremistischen Partei gefunden oder hätte man Besuche etwa von “Parteistammtischen”, Mitgliederversammlungen oder ähnlichem nachweisen können, wäre man wohl an der Einstufung “Rechtsterrorist” von vornherein nicht vorbeigekommen. Im Falle der IS-Einzeltäter genügt es hingegen schon für den Befund “Terrorist”, wenn der Gewalttäter ein IS-Symbol im Zimmer oder gemalt auf den Rucksack hat.

Befürchten Sie, aus Ihrer Profession heraus, weitere Taten dieser rechtsextremistischen Szene?

Hartleb: Ja, als Folge des Zeitgeistes, der Verschärfung des Diskurses und durch das Grassieren von Verschwörungstheorien. Man denke etwa an die Bewegung der Reichsbürger oder auch der Identitären, auf die sich der Täter von Christchurch berief. Durch die virtuelle, weltumspannende Welt ist es auch Einzeltätern möglich, zu Terroristen zu werden. Die Ermittlungen verlaufen aber nach wie vor in nationalen Bahnen, was angesichts der Bedrohungs- lage und der virtuellen Kommunikation nicht mehr zeitgemäß ist. Längst müsste die Umfeldanalyse angepasst und ausgedehnt werden, um Attentate zu verhindern. Ermittler müssen eben auch auf Spieleplattformen Frühwarnsignale erkennen. Vor allem ist auch das persönliche, schulische oder berufliche Umfeld angesprochen, Radikalisierung zu erkennen.

Die Frage stellte Alexander Kain;

Foto: privat

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https://www.donaukurier.de/nachrichten/bayern/Wir-sind-nicht-vorbereitet;art155371,4128065