Mein Beitrag zum Papstbesuch in Estland (in der katholischen Wochenzeitung “Die Tagespost)”

Wach auf, mein Herz“

Papst Franziskus brachte Hoffnung in die kleine, nur aus 6 500 Gläubigen bestehende, katholische Enklave in Estland. Von Florian Hartleb

Am 25. September kam Papst Franziskus zum Abschluss seiner Baltikumsreise nach Estland, einer Enklave oder Diaspora des Katholizismus. Das ist ein besonderes Zeichen, zeigt es doch, dass der Papst auch in Ländern mit einer besonders kleinen Gemeinschaft, hier die kleinste Kirche Europas, spricht.

Vor 25 Jahren besuchte Papst Johannes Paul II. das Land, nun kam es zum zweiten Papstbesuch. Das Leitmotiv für das gerade unabhängig gewordene Land lautete damals „Ärge kartke!, übersetzt „Habt keine Angst“. Das Motto des jetzigen Papstbesuchs knüpft daran an. Es lautet „Mu süda, ärka üles“ – zu Deutsch „Wach auf, mein Herz“. Das sind die ersten Worte eines estnischen Volksliedes, das sich auf die Situation der Gläubigen im Land übertragen lässt: Im Gegensatz zum baltischen Staat Litauen, der einen Katholikenanteil von 76 Prozent sowie eine lange Tradition aufweist, sind es in Estland nur 0,5 Prozent, rund 6 500 katholische Christen. Die Gründe dafür, das zeigt diese Gegenüberstellung, liegen nicht nur an der kommunistischen Zeit und der dort verbreiteten marxistischen Ideologie, dass Religion „Opium für das Volk“ sei. Das calvinistisch geprägte Estland ist eines der am wenigsten religiösen Länder der Welt. Das liegt auch an der nordischen Kultur, die wie in Norwegen, Schweden oder Finnland einem Naturglauben huldigt. Die heidnische Sonnwendfeier etwa hat eine Bedeutung wie Weihnachten. Christliche Feiertage gibt es fast keine. Im Alltagsleben der Esten spielt Religion denn auch kaum eine Rolle. So heiraten junge Menschen kaum mehr, und wenn, dann lediglich staatlich.

Obwohl seit Monaten Plakate in Tallinn hingen, war der 25. September 2018, anders als in den anderen baltischen Staaten, ein ganz „normaler Arbeitstag“. Dennoch ist der Besuch des Kirchenoberhaupts nicht zu unterschätzen, gerade in spiritueller Hinsicht. In Zeiten des Individualismus und Materialismus kann hier ein Zeichen ausgehen, wieder glücklicher und hoffnungsfroher zu werden. Das sollte gerade die Messe auf dem symbolträchtigen Freiheitsplatz im Zentrum der Hauptstadt Tallinn zur Schau stellen. Ihr habt nicht eure Freiheit erlangt, um dann als Sklaven des Konsums, des Individualismus, des Machthungers oder der Herrschsucht zu enden“, sagte der Pontifex vor den etlichen tausend Menschen, die sich versammelten. Zuvor bekam er durch die Staatspräsidentin Kersti Kaljulaid eine computerlesbare ID-Karte überreicht. Estland ist auf seine digitalen Errungenschaften besonders stolz und versteht sich als volldigitalisierter Staat. Er ermöglicht über solch eine e-residency eine Unternehmensgründung für Ausländer. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel bekam etwa bei ihrem Staatsbesuch ebenfalls eine solche Karte überreicht.

Bei seiner Ansprache im Präsidentenpalast mahnte der Papst die technikbegeisterte Nation: „Alles Vertrauen in den technologischen Fortschritt als einzigen möglichen Weg der Entwicklung zu setzen, kann bewirken, dass die Fähigkeit verloren geht, zwischenmenschliche, generationen- und kulturübergreifende Bindungen zu schaffen. Eine in unseren technokratischen Gesellschaften zu beobachtende Folge ist der Verlust des Sinns des Lebens, der Freude am Leben. So erlischt langsam und leise die Fähigkeit des Staunens, was die Menschen oft in eine Existenzmüdigkeit fallen lässt.“ Diese nachdenklichen wie treffenden Worte erschallten nicht ungehört.

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