Nach Bottrop. Einsame Wölfe, unterschätzte Gefahr. Gastbeitrag auf Cicero.de

ANSCHLAG VON BOTTROP.

Einsame Wölfe, unterschätzte Gefahr

Politiker behandeln einheimischen Terrorismus durch Einzeltäter eher stiefmütterlich. Auch der mutmaßliche Attentäter von Bottrop wurde pathologisiert. Dabei können auch psychisch kranke Einzeltäter Terroristen sein. Sie sollten früh isoliert werden

Nordrhein-Westfalen, Bottrop: Ein Absperrband der Polizei hängt am Berliner Platz
Ermittlungsarbeit in Bottrop: Ist Terror nur dann Terror bei Tätern mit Migrationshintergrund? / picture alliance

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Dr. Florian Hartleb ist Politikwissenschaftler. Er lebt in Tallinn und ist als Politikberater und -experte zu den Themen Flüchtlinge und Digitalisierung tätig. Im Oktober 2018 erschien sein Buch „Einsame Wölfe. Der neue Terrorismus rechter Einzeltäter“ (Hoffmann und Campe).

Es war eine klar fremdenfeindliche Tat: In der Silvesternacht führte der 50-jährige Deutsche Andreas N. als mutmaßlicher Täter einen Anschlag mit seinem Auto in Bottrop und Essen durch. Als Arbeitsloser fühlte er sich benachteiligt und erkor Flüchtlinge als Sündenböcke für sein eigenes Dilemma. Das wird bereits an der Opferauswahl deutlich, da sich unter den Verletzten Syrer und Afghanen befinden. „Was sind das für Menschen, die so etwas tun können?“, fragt sich der Beobachter bei Attentaten von Einsamen Wölfen wie N. oft. Als „Einsame Wölfe“ bezeichnet man Einzeltäter, die agieren, ohne direkt zu einer Terrororganisation zu gehören. Neu ist das Phänomen nicht. Vor 100 Jahren wurde der erste bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner durch einen Einzeltäter ermordet: Graf Arco-Valley kann als Prototyp des Einsamen Wolfes gelten. Der Täter sympathisierte mit der antisemitischen Thule-Gesellschaft, gehörte aber keiner terroristischen Organisation an. 

Heute gilt für islamistisch gesinnte ebenso wie für rechtsextremistisch gesinnte Einsame Wölfe: Bei der Ausführung des Anschlags agieren sie allein, auch wenn sie sich vorher oftmals über das Internet, im virtuellen Raum, radikalisieren. Das passiert nicht über Nacht. Trotzdem wird einheimischer Rechtsterrorismus durch Einzeltäter von der Politik eher stiefmütterlich behandelt. Denn Law-and-Order-Forderungen sind hier nicht so leicht zu erheben wie bei Flüchtlingen, deren Abschiebung man fordern kann. Bundesinnenminister Horst Seehofer etwa sagte, dass es zur „politischen Glaubwürdigkeit“ gehöre, nicht nur diesen Fall, sondern auch die Gewaltausbrüche von Asylbewerbern in Amberg kurz vor Silvester zu verfolgen. Hier zeigte er sich besonders aufgebracht: Er will Gesetzesvorschläge machen, um sie abschieben zu lassen. Zugleich vermeidet er hingegen eine eigentlich nötige grundsätzliche gesellschaftliche Debatte über rechte Terroristen. Deren Taten auf psychologische Aspekte zu reduzieren, greift zu kurz.

Tödlicher Cocktail aus Frust und Politik 

Natürlich operieren Einsame Wölfe nicht im sozialen Vakuum. Trotzdem wird allzu oft auf eine Fülle von Persönlichkeitsstörungen fokussiert, die solche Einzeltäter in der Regel aufweisen. Im Fall von Andreas N. in Bottrop wurde offenbar Schizophrenie diagnostiziert. Das erstaunt nicht, legt man Vergleichsfälle an wie den des Österreichers Franz Fuchs, ebenfalls mittleren Alters, arbeitslos und depressiv, der in den 1990er Jahren Briefbombenanschläge verübte. Ebenso überrascht nicht, dass der Täter polizeilich nicht auffällig war. Das gilt auch für den Norweger Anders Behring Breivik und seinem Nachahmungstäter David S., der am 22. Juli 2016 die Stadt München in einen Schockzustand versetzte. Bei vielen dieser Einzeltäter finden sich diverse Anknüpfungspunkte für Kränkungen und ein nicht-existentes Einfühlungsvermögen: das oftmals zerrüttete Elternhaus, die fehlende Fähigkeit für soziale und partnerschaftliche Beziehungen, fehlende Jobperspektiven und diagnostizierte Krankheitsbilder wie Autismus, Depressionen oder Zwangsstörungen.

Es gibt eben aber auch eine andere Dimension als wichtigen Erklärungsfaktor: die Ideologie des Hasses, die nicht nur motivierend, sondern letztlich tatauslösend wirkt. Die Täter beschäftigen sich mit den Hintergründen von Amokläufern und Terroristen. Die „persönliche, individualisierte Kränkungsideologie“ kennzeichnet den Einsamen-Wolf-Terrorismus. Persönliche Frustrationen und Kränkungen ergeben zusammengerührt mit politischen Einstellungen einen tödlichen Cocktail. Wichtig ist es, den Radikalisierungsprozess nachzuvollziehen. Oftmals lassen sich sogenannte „Turner“-Tagebücher bei den Tätern finden. Das Werk des US-Amerikaners Amerikaner William L. Pierce gilt als „rechtsextremistische Bibel”, als wichtigstes Propagandawerk, das weiße Überlegenheitsgefühle auf militante Weise kultiviert.  Es ist frei im Internet erhältlich und inspirierte zahlreiche Rechtsterroristen auch in Europa, darunter Einsame Wölfe wie Breivik. Auch im Falle von Andreas N. stellen sich Fragen: Welche Seiten hat er im Internet aufgerufen? War er auf der Spieleplattform „Steam“ unterwegs? Dass er einzeln losschlug, heißt nicht, dass er nicht mit anderen Gleichgesinnten in Kontakt stand.

Hass auf Minderheiten 

Einsame-Wölfe führen zwar oftmals nur eine einzige Tathandlung aus, sie sind aber trotzdem Teil eines größeren ideologischen „Rudels“. Diese psychisch auffälligen rechtsterroristischen Täter zeigen sich von vorgeführten Aggressionen – etwa von der medialen und virtuellen Diskussion über Terrorismus – angetan. Sie sehen darin ein probates Mittel, ihre Probleme und Wünsche zu artikulieren. Ihr rassistisches Weltbild teilt die Welt in Freund und Feind, ihr Hass richtet sich gegen Minderheiten. Ob in Österreich, Großbritannien, Schweden oder Deutschland – in all den Ländern, in denen die Täter losschlugen, war zuvor immer eine polarisierende Debatte speziell über Migranten entfacht. Es wäre daher verfehlt, den gesellschaftlichen Kontext auszublenden. Es zeigt sich vielmehr: Die Täter durchliefen zwar einen langen Prozess der Radikalisierung. In ihrer eigenen Realität handeln die Täter jedoch selbstgesteuert und mit Blick auf die Konsequenzen bewusst. Über Jahre hinweg haben sie ein politisches „Feindbild“ entwickelt, das sie mit terroristischen Mitteln zu bekämpfen versuchen.

Insgesamt verlangt die Prävention eine auf den ersten Blick paradox anmutende Strategie. Im virtuellen Leben ist es notwendig, auffällige Aggressoren sozial zu isolieren und rechtsextremistische Kommunikationsbrücken auf virtuellen Plattformen wie Steam zu zerschlagen. Terroristen können umso eher an ihr Ziel gelangen und Anschläge durchführen, wenn sie sich mit Gleichgesinnten austauschen können. Im realen Leben müssen die oft sozial isolierten Menschen die Bindungen an die Gesellschaft zurückgewinnen und reintegriert werden. Hier sind pädagogische und psychologische Angebote gefragt, etwa auch im Umgang mit Persönlichkeitsstörungen. Depressionen beispielsweise werden immer noch tabuisiert, obwohl in den vergangenen Jahren eine mediale Aufklärungskampagne eingesetzt hat.

„Die Muslime“, „die Flüchtlinge”, „die Schwarzen“ 

Bereits 2011 sagte der damalige US-Präsident Barack Obama nach dem Fall „Breivik,“ die „einsamen Wölfe“ seien die größte Gefahr für die Sicherheit der Vereinigten Staaten. Hierzulande kritisierte zwar der Verfassungsschutz, dass dieser Begriff die Täter glorifiziere. Trotzdem gilt auch für Deutschland: Der Einsame Wolf hat die positiven Aspekte des Individuums pervertiert und in eine angstmachende Form der irreparablen Verletzung umgewandelt – frontal gerichtet auf das Gegenüber, den Feind, dem jede Individualität abgesprochen wird. Er erkennt keinen einzelnen Menschen mehr, sondern steckt sie in Gruppen mit jeweiliger Andersartigkeit, beispielsweise spricht er von „den Juden“, „den Flüchtlingen“, „den Muslimen“ oder „den Schwarzen“. Soziale Verbundenheit wird so durch asoziale Sprengkraft ersetzt. Einsame Wölfe vermischen großspurige politische Erklärungen mit dem Mord an Menschen, die ihnen nichts getan haben und zu denen keine persönliche Verbindung besteht. Viele ihrer ideologischen Überzeugungen klingen abstrus-lächerlich.

Das ist nicht neu, wie uns Beispiel aus der Geschichte zeigen, etwa die Verbrennung von Hexen, die angeblich Schiffe versenkt und Menschen in Katzen verwandelt haben – oder der Plan zur Ausrottung sämtlicher Juden in Europa, weil ihr Blut angeblich die arische Rasse vergifte. Einsame Wölfe sind Symptome der Welt, in der wir leben, auch wenn wir die Ursachen gerne verdrängen. Wir müssen ihre Taten im politischen Zusammenhang sehen, und dürfen ihre Absichten nicht durch „Entpolitisierung“ und „Pathologisierung“ negieren. Die Behörden meiden allerdings die notwendige Debatte darüber, dass neue Pfade beschritten werden müssen, um rechte Gewalt erkennen zu können – wenn man das will.

Der Autor hat im Oktober 2018 das Buch „Einsame Wölfe. Der neue Terrorismus rechter Einzeltäter“ (erschienen bei Hoffmann und Campe) veröffentlicht. 

Link: 

https://www.cicero.de/innenpolitik/anschlag-bottrop-einsame-woelfe-einheimischer-terrorismus-rechtsextremismus-praevention