Nach Halle. Wie sich rechte Einzeltäter vernetzen. Eine Analyse auf n-tv.de (10.8)

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Nach dem Fanal von Halle

Wie sich rechtsradikale Einzeltäter vernetzen

Stephan B., der Attentäter von Halle, sei ein Einzeltäter, heißt es. Dabei deutet viel darauf hin, dass er vernetzt war – wie seine offensichtlichen Vorbilder es auch waren.

Ein 27-jähriger Deutscher, Stephan B., aus Sachsen-Anhalt, hat einen Anschlagsversuch auf eine voll besetzte jüdische Synagoge in der Stadt Halle unternommen und nach dessen Scheitern zwei Menschen in der Nähe der Synagoge erschossen. Er schrie “Juden” und “Kanaken”. Der Täter baute seine Sprengsätze selbst. Dabei handelte er als Einzeltäter, als sogenannter einsamer Wolf. Einsame-Wolf-Terroristen gehören eben nicht einer organisierten Terrorgruppe oder einem Terrornetzwerk an. Sie handeln ohne direkten Einfluss eines Anführers oder einer irgendwie gearteten Befehls- und Gehorsamshierarchie. Einsame Wölfe wurden lange Zeit von politischen Entscheidern, Ermittlungs- und Geheimdienstbehörden sowie Terrorismusexperten ignoriert. Man ging lange davon aus, dass Terrorismus ein Gruppenphänomen ist. Zumal richtete sich die Aufmerksamkeit auf islamistischen Terrorismus nicht auf Rechtsterrorismus.

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Dass ein Individuum ebenso gefährlich sein kann, wurde der Weltöffentlichkeit am 22. Juli 2011 bewusst: Nach mehr als 10 Jahren Planung ermordete der norwegische Rechtsextremist Anders Behring Breivik nach einer diabolischen Choreografie 77 Menschen, darunter viele Jugendliche. Er hinterließ ein über 1500-seitiges Manifest und ein Youtube-Video.

Eine Erkenntnis lautet derzeit, dass die Rechtsterroristen zwar Einzeltäter sind, aber sich aufeinander beziehen, sich gegenseitig inspirieren. Am Tage genau fünf Jahre nach Breivik versetzte auch der 18-jährige Deutsch-Iraner David S. die Stadt München in einen Ausnahmezustand. Er war von Breivik inspiriert, verwandte ihn als Whatsapp-Profilbild. David S. war wie Breivik nicht polizeilich vorbestraft und somit nicht auf dem Radar der Sicherheitsbehörden. Das gilt ebenso für den Christchurch-Attentäter und wohl auch für Stephan B., den Täter aus Halle.

Direkte und indirekte Unterstützung

Hier muss gleich einem verbreiteten Missverständnis vorgebeugt werden: Natürlich operieren einsame Wölfe nicht im Vakuum. In der Vorbereitungsphase werden sie direkt von Menschen unterstützt, die ihnen unwillkürlich bei der Tatausführung helfen, etwa Waffenhändler, und indirekt von Menschen, die “Inspiration” bieten, etwa Vorbilder im Internet. Es ist offensichtlich, dass der Christchurch-Terrorist als Vorbild für Stephan B. diente. Der 29-jährige Australier Brendon Tarrant, ein Einzeltäter, löschte am 15. März im neuseeländischen Christchurch 51 Menschenleben aus. Auch hier galt der Terror dem Glauben, in diesem Fall aber betende Muslime, der Tatort waren islamische Zentren der Stadt. 17 grausame Minuten wurden live auf Facebook übertragen. Dieses Vorgehen ist quasi die Funktionslogik des Terrorismus.

Auch Stephan B. hätte in der Synagoge Dutzende Menschen töten können, falls er sich Zugang verschafft hätte. Er benutzte wie Tarrant ebenfalls eine Helmkamera, sprach auf Englisch, um eine Weltöffentlichkeit zu erreichen. Zu Beginn des Videos stellt sich B. als “Anon” vor, ein unter rechtsextremen Verschwörungstheoretikern im Netz verbreitetes Pseudonym. So nennen sich eigentlich Leute, die auf Plattformen wie 4chan & Co unterwegs sind. Solche Plätze fungieren als Tummelplatz für Verschwörungstheorien.

Stephan B. leugnet den Holocaust und spricht von der jüdischen Weltverschwörung. All diese Tätertypen eint neben einer sozialen Isolation im realen Leben, exzessiver Konsum von Gewaltspielen und virtueller Kontakt mit Gleichgesinnten. Und sie hassen Frauen bis hin zur sexuellen Störung. Stephan B. bezeichnet den Feminismus als Grund für niedrige Geburtenraten im Westen, die zu Massenimmigration führten. Eine ähnliche Argumentation gebrauchte Breivik.

Austausch über Spieleplattform Steam

Rechtsextreme Online-Communities helfen, dass Menschen miteinander in Berührung kommen, die ansonsten aller Wahrscheinlichkeit nach niemals Kontakt zueinander aufgenommen hätten. Solch verbindende Netzwerke können auf der einen Seite einen unterstützenden beziehungsweise legitimierenden Rahmen bilden, auf der anderen Seite zur Koordinierung und Organisation von Gewalthandlungen eingesetzt werden.

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Der Autor hat im Oktober 2018 das Buch “Einsame Wölfe. Der neue Terrorismus rechter Einzeltäter” (Hoffmann und Campe) verfasst. Im März 2020 wird die aktualisierte Fassung auf Englisch erscheinen (Springer Verlag).

Spieleplattformen wie Steam, die für die Kommunikation genutzt werden, haben kaum Meldemechanismen. Man kann nur Gruppen oder Nutzer melden, keine Inhalte oder konkreten Gewaltdrohungen. Mittlerweile gibt es eine Petitionsseite, um den US-amerikanischen Betreiber Valve auf diese Probleme hinzuweisen. Längst existiert eine globale Online-Subkultur, die höchst interaktiv ist und über nationale Grenzen hinweg agiert. Die Aktivisten müssen dabei nicht das eigene Zimmer verlassen, in den Krieg ziehen oder im Untergrund leben. Ein Computer und ein Internetzugang reichen ihnen aus.

Die Behörden müssen sich schnell modernisieren und bereits in der Ausbildung die neue Dimension eines virtuellen, international vernetzten Rechtsextremismus endlich berücksichtigen. Kein Ruhmesblatt ist es, wenn sich Bayerns Behörden auch über drei Jahre nach der Tat in München weigern, einen offenkundigen Rechtsterrorismus anzuerkennen. Sie sprechen von einer unpolitischen Tat – trotz der Faktenlage. Ihnen ist entgangen, dass der Täter mit einem späteren Attentäter in New Mexico auf der Spieleplattform Steam vernetzt war – in einem “Anti-Refugee-Club”, eine Art Reaktion auf die Silvesternacht in Köln.

Nicht nur innerhalb des islamistischen Terrorismus, sondern auch innerhalb des Rechtsextremismus gilt: Die neue Täterstruktur des einsamen Wolfs wächst in bedeutendem Maße. Solche Täter sind zwar nicht in Partei oder Organisation eingebunden, handeln aber trotzdem aus politischen Motiven, etwa aus Rassismus. Den Rahmen bilden dabei Internationalisierung und Virtualisierung, über nationalstaatliche Grenzen hinweg.

Link: 

https://www.n-tv.de/politik/Welche-Vorbilder-der-Attentaeter-von-Halle-hatte-article21322598.html