Neue Osnabrücker Zeitung: Bericht über meinen Vortrag in der Stadtkirche Westerkappeln

ÜR WUT-BÜRGER ZÄHLEN KEINE FAKTEN

Politikexperte Florian Hartleb sprach in Westerkappeln über Populismus

Von Dietlind Ellerich

29. November 2017
 

Westerkappeln. Dem Volk nach dem Mund reden? Dem Druck der Straße nachzugeben? An welchem Punkt verkommt das Ernstnehmen der Ängste der Menschen zu Populismus? Florian Hartleb sprach in Westerkappeln zu dem Thema.

Am Morgen von der estnischen Hauptstadt Tallinn nach Düsseldorf fliegen, um abends in Westerkappeln einen Vortrag halten zu können – das sei heute ganz normal, antwortet Florian Hartleb auf die Frage, was die Menschen vor Ort von der EU haben.

Der Experte, der auf Einladung der Evangelischen Erwachsenenbildung im Kirchenkreis Tecklenburg und der Evangelischen Kirchengemeinde Westerkappeln im Dietrich-Bonhoeffer-Haus spricht und mit rund 60 Besuchern diskutiert, ist selbst das beste Beispiel für die Vorzüge der Staatengemeinschaft und die Möglichkeit, quasi en passant 1500 Kilometer Luftlinie zu bewältigen.

Politik ohne Werte?

Hartleb setzt seine Hoffnung in „dieses Verbindende“. Trotz vieler Probleme und Unsicherheiten, die jetzt auch in Deutschland die Populisten auf den Plan rufen. „Politik ohne Werte: Trumpetisierung. Zum Vormarsch der Demagogen in Europa“ lautet sein Thema, zu dem er seit Jahren forscht.

Hartleb analysiert nicht nur die vielfältigen Ursachen für die rechtspopulistischen Tendenzen, sondern hat auch Antworten parat, was man dagegen tun könne. Dabei verteufelt er den Populismus nicht pauschal. Zwar sei es schlecht, dem Volk nach dem Mund zu reden und dem Druck der Straße nachzugeben, aber immerhin würden die Probleme der kleinen Leute angesprochen, gibt er zu bedenken.

Hartleb ist sicher, dass die Flüchtlingskrise im Herbst 2015 dem Populismus in Deutschland den Boden bereitet hat. Ob im „Wir gegen die-da-oben“ oder im „Wir gegen die-da-draußen“, Populisten sprächen immer eine einfache Sprache, gäben kurze, oft humorvolle Statements, machten sich zu eigen, was sie für „Volkes Stimme“ halten.

Da gehe es nicht um Zahlen und Fakten, sondern um Befindlichkeiten und Gefühle, macht der Politikwissenschaftler deutlich. Ihre Wähler hätten wenig Interesse an Fakten, lebten nicht in Metropolen, seien anfällig für Verschwörungstheorien, überwiegend Männer, die Wut auf „die-da-oben“ und kein Vertrauen in die traditionellen Medien hätten.

Einig ist sich Hartleb mit seinem Publikum, dass eine gewisse Sprachlosigkeit seitens der Politik den Trend verschärft. Nette Worte und Sonntagsreden reichen nicht mehr, „wenn Politiker nicht reagieren, wird man unzufrieden“, lautet der Tenor des Abends.

Der Lobbyismus in Brüssel sei ebenfalls ein Riesenproblem, schlägt Hartleb wieder den Bogen zur EU. Er tue sich schwer, für die EU zu sein, weil es sich um ein Modell von Lobbyisten handele, räumt er weiter ein.

Bedenklich findet die Runde auch, dass keine Sitzung mehr geheim bleibe, Twitter-Nachrichten aus Sondierungsgesprächen die Runde machten, alles inszeniert und öffentlich sei, viele keinen Unterschied mehr zwischen News in den sozialen Medien und sorgfältig recherchierten Nachrichten sähen.

„Spiegel online gewürzt mit bild.de“ reiche nicht, betont Hartleb, fragt aber auch, ob die Menschen bereit seien, für gute Informationen zu zahlen. Wer abonniere noch eine Tageszeitung, wenn so vieles kostenlos sei, beschreibt er das Dilemma.

„Aussitzen, verteufeln, annähern, tolerieren lassen, koalieren, das alles gibt es in der EU“, zählt der Referent Strategien auf, wie man das Problem angehen könne. „Den Königsweg gibt es nicht“, stellt er unmissverständlich klar. Er wünscht sich klare Antworten.

Flüchtlingsansturm

„Politik muss erklären, aber auch nachhaltig sein“, macht Hartleb deutlich. So dürfe die Bewältigung des ersten Flüchtlingsansturm keine einmalige Aktion sein, sondern müsse als Prozess betrachtet werden. Dies treffe auch auf andere Themen wie die Energiewende und die Digitalisierung zu. „Das meine ich mit Nachhaltigkeit“, bekräftigt Hartleb am Ende eines spannenden und kontroversen Abends.

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