Neue Recherche von mir: Virtuelles Terrornetzwerk statt Amok. Meine Statement zum Fall von München (Passauer Neue Presse)

Passauer Neue Presse, Bayernteil

Amoklauf oder Tat eines virtuellen Terror-Netzwerks?

Als David S. 2016 in München neun Menschen tötete, sprachen die Behörden von einem Amoklauf. Neue Erkenntnisse zeigen aber: Es könnte sich um die Tat eines Internet-Terrornetzes handeln.

 Alexander Kain  16.05.2018 | Stand 15.05.2018, 20:02 Uhr

Terroreinsatz am 22. Juli 2016 nahe des Münchner OEZ. − F.: dpaTerroreinsatz am 22. Juli 2016 nahe des Münchner OEZ. − F.: dpa

 

Als David S. 2016 in München neun Menschen tötete, sprachen die Behörden von einem Amoklauf. Neue Erkenntnisse zeigen aber: Es könnte sich um die Tat eines Internet-Terrornetzes handeln.

Im Juli 2016 tötete der 18-jährige David S. am Münchner Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen – alle mit Migrationshintergrund. Anschließend beging er Selbstmord. Im Dezember 2017 tötete der 21-jährige William A. in einer High School im US-amerikanischen Aztec (New Mexico) zwei Schüler, ehe er Selbstmord beging. Zeitlich trennen die Taten anderthalb Jahre, räumlich 8800 Kilometer. Doch es gab einen direkten Zusammenhang.
Der aus Passau stammende Politikwissenschaftler Florian Hartleb, der zusammen mit anderen Experten für die Stadt München Hintergründe und Folgen der Münchner Tat untersuchte, stieß bei Recherchen für ein Buchprojekt darauf. Demnach standen David S. und William A. per Internet in engem Kontakt zueinander – im Computerspiel-Chat “Steam” waren sie Teil der rund 250 Mitglieder starken Gruppe “Anti-Refugee Club” (Anti-Flüchtlings-Club). In den Gesprächen sei es um rechtes Gedankengut gegangen und den Hass auf Migranten. Bewundernd habe man sich hingegen über Massenmörder wie den Norweger Anders Breivik geäußert, der im Juli 2011 in Oslo und auf Utoya 77 Menschen tötete. Nach dem Tod von David S. in München habe William A. auch einen “stolzen” Nachruf auf ihn veröffentlicht, so Hartleb.
Problematisch: Den US-Behörden waren die Online-Gespräche offenbar bereits vor den Taten aufgefallen. Nachdem er in Online-Foren nach einer Waffe gefragt hatte, stand William A. angeblich unter Beobachtung des FBI. Doch weitergehende Ermittlungen oder eine Meldung an die deutsche Polizei, dass sich in der Gruppe um William A. auch der Deutsche David S. befand, unterblieben. Im Juli 2016 beging dieser dann am Münchner OEZ seine Tat. Die ermittelnde bayerische Polizei stieß daraufhin ihrerseits auf William A. – wiederum unterblieb aber offenbar eine Meldung, diesmal an die US-Polizei. Im März 2017 wurden die Ermittlungen eingestellt – neun Monate bevor William A. in Aztec ein Blutbad anrichtete.
Die Landtagsabgeordnete Claudia Stamm (fraktionslos) hat nun eine Anfrage an die Staatsregierung gestellt. Unter anderem will sie wissen, ob bayerische Behörden tatsächlich keine US-Behörden informiert haben und ob es “zu David S. vor dessen Attentat Anfragen oder Hinweise von US- oder anderen ausländischen Behörden” gegeben hat. Außerdem will sie erfahren, ob weitere Kontakte zu anderen potenziellen Tätern oder Internetpartnern von David S. mit rechtsextremen Hintergrund festgestellt worden seien.
Ein weiterer Streitpunkt ist, ob es sich bei der Tat von David S. um einen Amoklauf oder aber um eine vorsätzliche, politische Tat gehandelt habe. “Hält die Staatsregierung die These vom Amokläufer David S. weiter für zutreffend?”, will Stamm dazu wissen.
Für Hartleb ist die These vom Amoklauf des David S. ohnehin nicht haltbar, ebenso wenig wie die in den USA, dass William A. Opfer von Schulmobbing gewesen sei und sich gerächt habe. Er sieht vielmehr ein “virtuelles Terrornetzwerk” am Werk – schließlich sei von der Polizei bei einem weiteren Chatpartner des “Anti-Refugee Club” in Baden-Württemberg Material sichergestellt worden, das auf ein geplantes Schulmassaker hinweise. Dieser wiederum sei in Kontakt zu David S. gestanden, zusammengebracht von William A. Auch, dass die Tat von München exakt am fünften Jahrestag des Breivik-Massenmordes stattgefunden hat, ist für Hartleb kein Zufall: “Vielmehr stellt sich die Frage, ob man die eingestellten Ermittlungen wieder aufnehmen muss – schließlich laufen die ganzen Clubmitglieder noch immer frei herum.”

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