Nizza-Attentat. Dunkler als die Nacht. Mein Beitrag für das katholische Wochenmagazin “Sonntag”/Schweiz (Brennpunkt)

NIZZA-ATTENTAT

Dunkler als die Nacht

Mein Beitrag für das katholische Wochenmagazin “Sonntag”/Schweiz, Nr. 19, Juli 2016, S. 6 f.

Ein gewaltbereiter 31-Jähriger lenkt einen gemieteten Lastwagen am Nationalfeiertag in eine Menschenmenge in Nizza. Das Fazit sind über 80 Todesopfer. Damit wird deutlich, dass – wie in Israel schon seit Jahrzehnten – nun auch in Europa überall und zu jeder Zeit Terrorgefahr droht. Wird die Terrorangst auch hier zum Normalzustand? von Florian Hartleb

 

Die Terrorangst wächst in den westeuropäischen Gesellschaften. Dafür sind die diesjährigen Attentate in Nizza und Brüssel verantwortlich und die Terroranschläge im vergangenen November in Paris. In Deutschland, das von einer grösseren Terrorattacke bislang verschont blieb, hat jüngsten Umfragen zufolge das Thema Terrorangst andere Sorgen wie Jobverlust oder Altersarmut verdrängt. Einer Umfrage des amerikanischen Meinungsforschungsinstituts Pew zufolge fürchten auch andere Europäer, dass sich die Terrorgefahr in ihrem Land erhöht. Die Fragen stehen im Raum: Beginnt im freien Europa ein neues Zeitalter, das Zeitalter des Terrorismus? Wird das Leben in Europa wie in Israel, wo die Menschen mit dem Bewusstsein leben, dass überall und jederzeit Gefahr droht? Die Lastwagenattacke am französischen Nationalfeiertag vom 14. Juli auf der Prachtmeile in Nizza, der mehr als achtzig Menschen zum Opfer fielen, legt diese Annahme nahe. Der Täter, offenbar mit psychischen Problemen belastet, soll aus radikalislamistischen Motiven gehandelt haben. Er fühlte sich wohl durch andere islamistische Einzeltäter der jüngsten Zeit inspiriert. Aus rationaler Perspektive ein Paradox: Er nahm bei seiner Attacke in Kauf, auch Muslime zu töten. Tatsächlich gehören zu den Opfern auch zahlreiche Muslime. Das Attentat an der Côte d’Azur hat auch ein Symbol der französischen Leichtigkeit ins Mark getroffen. Frankreich leidet unter einer explosiven Mischung aus sozialen Spannungen, einer weit verzweigten Islamistenszene und einem überaus fruchtbaren Nährboden für die Parolen des rechtspopulistischen Front National. Die Diskussion um den «Kampf der Kulturen» und den fundamentalistischen Missbrauch des Islams als Waffe ist in Frankreich allgegenwärtig. Der kurz vor den Pariser Terrorattacken vom November erschienene Roman «Unterwerfung» von Michel Houellebecq sorgte deshalb für heftige Diskussionen. Der Autor beschreibt darin das Szenario eines Landes, das von islamistischem Fundamentalismus und Rechtsextremismus erschüttert, ja traumatisiert ist.

Das «gelobte» Land

Jetzt, nach dem Angriff von Nizza, droht dieses Pulverfass noch gefährlicher zu werden. Die Angst geht um, dass Frankreich zum «gelobten Land» für radikalislamistische Fanatiker geworden ist. Allgemein ist von einer «neuen Dimension des globalisierten Terrorismus» die Rede. Die Forderung des französischen Präsidenten François Hollande, einen «Krieg gegen den Terrorismus» auszurufen, gleicht denen des damaligen amerikanischen Präsidenten George W. Bush nach den Attacken auf die Twin Towers in Manhattan vom 11. September 2001. Nach der Blutspur von Nizza hat Hollande umgehend den Ausnahmezustand im Land verlängert. Das bedeutet, dass über zehntausend Soldaten in ganz Frankreich für Sicherheitskontrollen im Einsatz bleiben werden. Seit den Terrorattacken in Paris patrouillieren nicht nur dort schwer bewaffnete Soldaten auf den Strassen. Zutrittskontrollen bei Kaufhäusern oder Kinos gehören zum Alltag. Die Terrorgefahr ist bereits nach den barbarischen Attacken in Paris und Brüssel omnipräsent geworden. Innerhalb von nur wenigen Monaten konnten Terrorzellen ihre Taten planen und umsetzen – besonders erschreckend sind die Querverbindungen zwischen beiden Akten. Es gibt derzeit zwei typologische Formen des Terrorismus: das terroristische Netzwerk, wie es in Paris und Brüssel zugeschlagen hat, und den Einzeltäter, den sogenannten «einsamen Wolf». Schon seit Jahren ist immer wieder davon die Rede, dass die islamistischen Terrororganisationen, erst Al-Kaida und dann der sogenannte Islamische Staat (IS), zu Akten aufrufen, die kleine Zellen oder «einsame Wölfe» begehen sollen. Die Einzeltäter agieren, ohne direkt einer Terrororganisation anzugehören und ohne einer Hierarchie unterworfen zu sein. Offenbar setzt der IS auf diesen Tätertypus, auch wenn es nur im Nachgang ist, um davon zu profitieren. Anschläge mit Fahrzeugen sind bisher nur aus anderen Weltregionen bekannt. In der digitalen Gesellschaft hat sich die Bandbreite an Möglichkeiten für Terroristen aller Couleur deutlich erweitert. Anders als beim herkömmlichen, von Gruppen organisierten Terrorismus muss dem Anschlag nicht unbedingt eine Ausbildung vorausgehen. Der Radikalisierungsprozess der Attentäter vollzieht sich inmitten der Gesellschaft. Drastisch zeigte das vor fünf Jahren der norwegische Einzeltäter Anders Behring Breivik, geboren und aufgewachsen in Oslo – ebenfalls ein «Einsamer-WolfTerrorist». In anderen Regionen der Welt ist der Terror schon längst viel tiefer in den Alltag gedrungen als in Westeuropa; so in Israel, wo die Opfer unter dem Gesichtspunkt der propagandistischen Wirkung taxiert werden – oft auch von Einzeltätern. Und Israel verdeutlicht auch: Gegenüber dem Terrorismus eines «einsamen Wolfes» helfen alle Vorkehrungen, etwa Grenzkontrollen oder eine Rasterfahndung, nicht. Wenn führende Politiker wie François Hollande oder Angela Merkel darauf beharren, es handle sich um eine globale Herausforderung, die gemeinsame Antworten der internationalen Gemeinschaft erfordere, ist das weitgehend nur Rhetorik.

An die Bedrohung gewöhnt

Ein solcher Terror kann durch Sicherheitsmassnahmen eingedämmt werden. Aber es wird nicht möglich sein, sämtliche Terrornetzwerke dieser Welt dauerhaft zu zerreissen. Die Antwort auf die terroristische Herausforderung darf nicht sein, über Jahrhunderte erkämpfte Freiheitsrechte und rechtsstaatliche Prinzipien preiszugeben – in der vagen Hoffnung, dadurch mehr Sicherheit zu erlangen. So verständlich der Wunsch nach Sicherheit ist, es wird sie nicht mehr geben. Was in Europa heute (noch) die Ausnahme ist, ist in Israel Alltag. Die israelische Metropole ist eine lebendige, westlich fühlende Stadt. Aber auch eine Stadt, die immer wieder mit Terror und Terrorangst zu kämpfen hat. Selbstmordattentate gehören zum Alltag. In Zeiten der allgemeinen Unsicherheit kommt umso deutlicher zum Ausdruck, was Tel Aviv auszeichnet: Die israelische Metropole macht vor, wie sehr sich der Mensch an eine Bedrohung gewöhnen kann, und wie wenig diese im Endeffekt den Alltag des Einzelnen beeinflussen muss. Es kann theoretisch immer und überall passieren, das weiss man in Tel Aviv seit Längerem. In Europa dagegen ist dieses Bewusstsein noch nicht vorhanden. Die Einwohner Tel Avivs reagieren darauf mit Wachsamkeit, aber auch mit Fatalismus: Sie akzeptieren, dass man sich nie auf alle Eventualitäten vorbereiten kann. Vor allem aber hat man in Tel Aviv verstanden, dass der Terrorismus Leben und Lebensfreude auslöschen will, weshalb sich eine bedrohte Stadt stets aufs Neue dafür entscheiden muss, weiterzuleben: «Man darf sich nicht terrorisieren lassen.» Das Motto lässt sich auf Paris, Brüssel oder Nizza, aber auch auf Berlin oder Zürich übertragen.

 

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