Rezension meines Buchs “Einsame Wölfe” in der Stuttgarter Zeitung

Stuttgarter Zeitung, Politisches Buch, Freitag, den 26. Oktober 2018, S. 33

Ein tödlicher Cocktail aus Politik und Frust

Gewalt. Der Politikwissenschaftler Hartleb analysiert kenntnisreich den Terror durch rechtsextreme Einzeltäter.

Mit dem 22. Juli 2011 beginnt eine neue Ära der Gewalt. An jenem Freitag hat Anders Behring Breivik auf der norwegischen Insel Utoya 77 Menschen getötet. Das Massaker wurde zum Muster für Nachahmungstaten, für eine neue Form des rechtsextremistischen Terrorismus. Das ist die zentrale These im Buch des Politikwissenschaftlers Florian Hartleb. „Das 21. Jahrhundert ist das Jahrhundert des Individualterrorismus“, schreibt er. Für den Islamismus ist dieser Trend anerkannt. Hartleb zufolge sind Polizei und Nachrichtendienste in dieser Hinsicht jedoch auf dem rechten Auge blind. Sie hielten die „einsamen Wölfe“, wie er diesen Tätertyp nennt, bisher für ein Randphänomen. Auf 252 Seiten gibt Hartleb sich alle Mühe, das zu widerlegen. Das Urbild des rechtsextremistischen „einsamen Wolfs“ liefert für den Autor Anton Graf von Arco auf Valley. Er hat 1919 einen Mordanschlag auf Kurt Eisner verübt, den ersten Ministerpräsidenten des Freistaats Bayern. Zum Muster dieses Tätertyps, der nicht im Auftrag einer Organisation handelt und zuvor meist unauffällig war, passt auch der Dutschke­Attentäter Josef Bachmann. Hartleb listet eine ganze Galerie solcher „Clean­Face­Täter“ auf. David Sonboly zählt er dazu, den damals 18­jährigen Schüler, der am 22. Juli 2016 im Münchener Olympia­Einkaufszentrum wild um sich schoss und neun Menschen tötete. Er benutzte die gleiche Waffe wie Breivik. Sein Motiv laut Hartleb: „Er wollte deutscher sein als Deutsche.“ Rechtsextreme Einzeltäter wie der Messerstecher, der die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker schwer verletzte, stünden ebenfalls für diese neue Variante des Terrorismus. Es gebe einen „alarmierenden Anstieg“ von Taten, die von diesen „einsamen Wölfen“ begangen würden. Solche Soloterroristen hätten „mehr Menschen getötet als solche mit islamistischen Motiven“. Was zeichnet die „einsamen Wölfe“ aus? Hartleb nennt sie „Erben des Nihilismus“. Ihr Antriebsmoment sei eine „Ideologie des Hasses“. Sie bewegten sich oft in einer „virtuellen Parallelwelt“. Die Rolle des Internets sei nicht zu überschätzen, vor allem rechte Netzwerke wie Blood & Honour. Mitglied einer Partei oder einer Kameradschaft zu sein, die sich regelmäßig trifft, sei „heute anachronistisch geworden“. Die „einsamen Wölfe“ hätten ungeachtet ihrer abstrusen Weltbilder häufig eine bürgerliche Fassade und würden deshalb als „Feierabend­Terroristen“ gelten. Sie hätten oft psychische Probleme. Es seien durchweg Menschen mit einer abnormen Persönlichkeitsstruktur. „Die einsamen Wölfe handeln keineswegs im Affekt, sie agieren nicht wahnhaft oder irrational.“ Persönliche Kränkungen seien meist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Hartleb formuliert es so: „Frustrationen ergeben zusammengerührt mit politischen Einstellungen einen tödlichen Cocktail.“ Es hätten wohl auch ein paar Seiten weniger genügt, dieses Phänomen anschaulich zu beschreiben. Dennoch bietet das Buch eine erkenntnisreiche Lektüre. 

Von Armin Käfer