Rezension meines Buchs im Straubinger Tagblatt (Literatur)

Straubinger Tagblatt

Samstag, den 27. Oktober 2018 (Magazin zum Wochenende)

Ein Fluidum aus Hass

Florian Hartleb beschreibt den „neuen Terrorismus rechter Einzeltäter“

Von Christian Muggenthaler

Von einer „unterschätzten Gefahr“ schreibt der Politologe Florian Hartleb in seinem Buch „Einsame Wölfe“ angesichts des Terrors rechtsradikaler Einzeltäter. Bis heute würden die Verbrechen solcher Täter von den Strafverfolgungsbehörden oft falsch bewertet. Immer wieder würden der rechtsradikale Hintergrund ausgeblendet und die Taten als Amokläufe bezeichnet. Hartleb, dessen Fachgebiete Terrorismus, Extremismus, Populismus und Digitalisierung sind, hat für die Stadt München zum Beispiel ein Gutachten im Fall David Sonboly erstellt – und kommt darin zu eklatant anderen Ergebnissen als die Behörden: Der Attentäter vom Münchner Olympiazentrum hatte eindeutig einen fremdenfeindlichen und rechtsradikalen Hintergrund, während Gutachten des Landeskriminalamts von „Liebeskummer“ oder „Mobbing“ als Auslöser des Anschlags ausgingen. Bei Sonbolys Tat handelte es sich um keinen spontanen Amoklauf, sondern „um einen über ein Jahr geplanten, gezielt ausgeführten Anschlag“. Hartleb berichtet von Einzeltätern, die sich ihre Welt aus Hass und Ablehnung vor allem aus dem Internet zusammenstellten. Er präsentiert uns vereinsamte und extrem aggressive Männer wie Luca Traini, Peter Mangs und Anders Breivik und führt uns vor Augen, dass unser Problembewusstsein für ihr Gewaltpotenzial geschärft werden muss. Die erstaunliche Zurückhaltung der Strafverfolgungsbehörden beim Aufspüren ihrer rechtsradikalen Täterideologie sowie eine zunehmende Intoleranz im Land erleichtere es ihnen, ihre gewalttätige Weltanschauung zu entwickeln. Ihr Fluidum ist Hass und Hetze: Die Demagogen im Wold Wide Web lösten jene Verunsicherungen und Ängste aus, die schnell zur Wurzel von Gewalt werden können. Der Autor benennt die beträchtliche Schnittmenge, die zwischen einer grassierenden Anti-Establishment-Stimmung, wachsender Demokratiefeindlichkeit und dem Rechtsextremismus besteht. In den virtuellen Welten – beispielsweise auf Spiele-Plattformen – finden auch ausgegrenzte Ausgrenzer ideale Bedingungen für ihre Gewaltphantasien und Verschwörungstheorien, schreibt Hartleb. Gegenstrategien sind aus seiner Sicht das wachsende Problembewusstsein der Sicherheitsbehörden und mehr Sensibilität und Realitätssinn gegenüber den Gefahrenpotenzialen im Internet. Auch sollten die Freunde und Verwandten von potenziellen Attentätern gleich welcher Couleur stets aufmerksam auf Radikalisierungstendenzen reagieren – und ihre Warnungen von den Behörden dann auch ernstgenommen werden. Denn das ist in der Vergangenheit nicht immer geschehen.