Rezension meines Buchs in der Bayerischen Staatszeitung (28. Januar 2019)

Florian Hartleb analysiert das Phänomen des neuen Terrorismus rechter Einzeltäter Spieleplattform als Mördertreffpunkt

Spieleplattform als Mördertreffpunkt

Von Florian Sendtner

„Das ist ein Schlag ins Gesicht der Hinterbliebenen!“ Rechtsanwältin Claudia Neher ist empört über die Entscheidung des Bundesgerichtshofs, die beantragte Revision im Fall des Waffenhändlers Philipp K., der dem Mörder vom Olympiaeinkaufszentrum die Tatwaffe verkaufte, abzuschmettern. Im Januar 2018 wurde Philipp K. vom Landgericht München I wegen fahrlässiger Tötung in neun Fällen zu sieben Jahren Haft verurteilt. Für die Hinterbliebenen der neun Mordopfer ein unangemessenes Urteil. Claudia Neher, die für die Hinterbliebenen der 45-jährigen Münchner Türkin Sevda D. Revision beantragte, findet es allein schon angesichts der Vielzahl der Nebenkläger „absurd vom BGH zu sagen, das ist offensichtlich unbegründet“. Der Anschlag vom Olympiaeinkaufszentrum sei „eine der schlimmsten Taten seit dem Zweiten Weltkrieg“ gewesen, da könne man die Beschaffung der Mordwaffe nicht als fahrlässige Tötung einstufen, sondern müsse von Beihilfe zum Mord sprechen. Neher ist sich „sicher, dass das Urteil so nicht bestehen kann“, man werde vors Bundesverfassungsgericht gehen, notfalls zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Der Anschlag am Münchner Olympiaeinkaufszentrum vom 22. Juli 2016 ist auch zweieinhalb Jahre danach Gegenstand heftiger Kontroversen. Immer noch wird er als quasi privater „Amoklauf“ bezeichnet, obwohl es eine Fülle von Indizien für ein „hate crime“ gibt, einen rassistisch motivierten Anschlag. Will man der Sache auf den Grund gehen, sollte man das neue Buch von Florian Hartleb zur Hand nehmen. Der Politologe analysiert auf 250 Seiten das Phänomen des „lone wolf“, des einsamen Wolfs, der in keine Organisation eingebunden ist, aber nicht selten über eine elaborierte Ideologie verfügt. Das Paradebeispiel dafür ist Anders Behring Breivik, der am 22. Juli 2011 in Oslo und Utøya 77 Menschen erschoss, größtenteils Sozialdemokraten. Bevor er dieses Blutbad anrichtete, verschickte Breivik per E-Mail ein 1500 Seiten langes Pamphlet, in dem er unter anderem der Sozialdemokratie die Schuld an einer angeblichen Islamisierung des Abendlands zuwies. Auch vor Gericht stellte Breivik den 77-fachen Mord als eine Art Notwehr zur Rettung des Abendlands dar. Auf Breivik kommt Hartleb immer wieder ausführlich zu sprechen, ebenso auf David S., den Täter vom Olympiaeinkaufszentrum. Denn die beiden Anschläge haben einiges miteinander zu tun. Der 18-jährige David S. war ein großer Verehrer von Breivik, wie dieser war er ein fanatischer Ausländerhasser, und er beging seine Tat demonstrativ am fünften Jahrestag des Massakers von Oslo und Utøya (selbst die Uhrzeit war die gleiche). Dass die rassistische Motivation von David S. gern unterschlagen wird, hat wohl auch damit zu tun, dass er selbst als Ausländer galt. David S. wurde zwar in München geboren, seine Eltern waren aber aus dem Iran nach München gekommen. Der Jugendliche unternahm alles, um zu einem „echten Deutschen“ zu werden: Er änderte seinen Vornamen (bis zu seinem 18. Geburtstag hieß er Ali) und machte sich die grassierende Ausländerfeindlichkeit kurzerhand zu eigen. Florian Hartleb warnt eindringlich davor, den Tätertyp des einsamen Wolfs nicht ernst zu nehmen. Er wirft dem Verfassungsschutz und den Ermittlern vor, allein die rechtsextremen Organisationen im Blick zu haben, nicht aber all die Einzelgänger. Anhand des Münchner Anschlags vom 22.7.2016 kreidet er den Behörden auch an, das Internet sträflich zu ignorieren: „Warum die bayerischen Sonderermittler der Soko OEZ, die mit der Aufarbeitung des Attentats betraut wurde, von den virtuellen Aktivitäten eines David S. nur wenig mitbekamen, bleibt ein Rätsel.“ Der ARD-Reporter Christian Bergmann habe auf eigene Faust ermittelt, dass David S. sich auf der Spieleplattform „Steam“ mit William Atchison austauschte, dem Gründer eines Chatclubs namens „Anti-Refugee-Club“ mit hunderten Mitgliedern. Die beiden jungen Männer (Atchison war 21) stachelten sich in ihrem Rassismus gegenseitig an, nach dem Massaker, das David S. in München anrichtete, schrieb Atchison einen rühmenden Nachruf auf ihn. Doch nicht einmal das half den Ermittlern auf die Sprünge. Das FBI kannte Atchison zwar, hielt ihn aber für einen „harmlosen Online-Troll“, und die deutschen Behörden, die einen Hinweis auf den Kontakt zwischen David S. und Atchison erhalten hatten, kamen offensichtlich gar nicht auf die Idee, die Amerikaner zu informieren. Das hatte fatale Folgen: William Atchison erschoss am 7. Dezember 2017 in New Mexico in einer High School zwei Jugendliche – „Hispanics“, die seinem rassistischen Wahn zufolge keine Existenzberechtigung hatten. Als die Polizei kam, erschoss er sich selbst, wie David S. In der Antwort auf eine Anfrage von Grünen-Fraktionschefin Katharina Schulze gab das bayerische Innenministerium am 24. Juli 2018 zu, dass man die Verbindung zwischen dem München-Attentäter David S. und William Atchison erst Monate im Nachhinein ernst genommen habe, als längst alles zu spät war. > FLORIAN SENDTNER

Florian Hartleb, Einsame Wölfe. Der neue Terrorismus rechter Einzeltäter, Hoffmann und Campe, Hamburg 2018, 253 S., 22 Euro. ISBN 978-3-455-00455-7