Steve Bannon zu Gast bei Europas Populisten in Zürich. Meine Analyse im Schweizer Magazin Doppelpunkt

Steve Bannon zu Gast bei Europas Populisten in Zürich.

Meine Analyse im Schweizer Magazin Doppelpunkt, Nr. 12/2018, S. 36/37

In «feiner» Gesellschaft 

Folgt nach dem Untergang der Kommunistischen Internationale vor über 70 Jahren nun die populistische Internationale? Der Auftritt von Steve Bannon, Ex-Berater von US-Präsident Donald Trump, in Zürich dokumentiert, wie die populistische Rechte vernetzt ist und sich unterstützt.

von Florian Hartleb

Vor 101 Jahren verliess Lenin unbemerkt die Schweiz, um in Russland eine Revolution auszurufen. Heute geht es um einen viel diskutierten Rechtspopulismus – statt Moskau wirkt Washington D.C. als Epizentrum, mit Ausstrahlungswirkung auf ganz Europa. Lautete einst die Parole «Proletarier aller Länder, vereinigt Euch», rufen vermeintliche Patrioten zum Kampf gegen die Elite, zum Trockenlegen des «Sumpfs» auf. In Washington Präsident Donald Trump und in der Schweiz SVP-­Nationalrat Thomas Matter in seiner Video­Serie «In den Sümpfen von Bern». Und so erstaunt es nicht, dass SVP­-Nationalrat Roger Köppel den Sumpf­-Experten Steven Bannon, gefeuerter Chefberater von US­-Präsident Donald Trump, nach Zürich eingeladen hat. Ausgestattet mit einer wackeligen Kamera holte Köppel den 64­jährigen Bannon vom Flughafen ab. Stolz wie Oskar pries er Bannon bei der Veranstaltung in Zürich als «Architekten hinter Trumps unglaublichem Wahlsieg an».

Vater der Manipulation

Mehr als 1000 zahlende Gäste, meist Abonnenten der Weltwoche mit 50 Prozent Sonderrabatt, wurden Zeugen einer «populistischen Revolte», wie es in der Ankündigung hiess. Ihr Antrieb: schlichtweg Neugierde. Um sich ein Bild zu machen von einem Mann, der sich durch verschwörungstheoretisch angehauchte «Fake News» einen Eintrag in die Geschichtsbücher gesichert hat. Immerhin gilt der in Ungnade gefallene Bannon als Vater der Manipulations- und Mobilisierungsstrategie durch die von ihm massgeblich geprägte Website Breitbart News Network. Das Portal gilt nicht nur als Trumps Lieblingsseite, sondern als das Flaggschiff der rassistischen und rechtspopulistischen Gegenöffentlichkeit, der sogenannten Alt­Right­Bewegung, die sich früh im Wahlkampf hinter den amtierenden Präsidenten gestellt hatte. Bannon sah sich gerne als den eigentlichen Motor hinter Trumps Wahlerfolg, Produkt eines faustischen Pakts.Immerhin steht Breitbart für eine neue mediale Parallelöffentlichkeit – ein Erklärungsfaktor für die Trumpetisierung in den USA und ausserhalb der USA. Ihr Gründer, der Journalist AndrewBreitbart, schuf 2005 die Plattform mit dem erklärten Ziel, gegen den «kulturellen Marxismus» und dessen Hauptwaffen, die «Political Correctness», und gegen den «Multikulturalismus» anzuschreiben. Zum Angebot gehört eine tägliche Nachrichtensendung im Radio. Nach dem Tod des Gründers 2012 führte Steve Bannon dieGeschäfte, bis er sich 2016 freistellen liess, um Trump zu unterstützen. Die Mission glückte entgegen den Prognosen aller. Direkt nach dem Wahlsieg des Republikaners verkündet man, demnächst nach Europa expandieren zu wollen. Inzwischen wurde Bannon von US­Präsident Trump alsBerater gefeuert und kurz darauf auch noch als Chefredaktor von Breitbart News. Im Weissen Haus gilt Bannon heute als Persona non grata, nachdem im Enthüllungsbuch «Fire and Fury» kritische Aussagen aus seinem Mund über die Prä­sidentenfamilie veröffentlicht wurden. Zudem ist Bannon durch seine Wortwahl, er sei ein Leninist,weil er,wie einst der sowjetische Revolutionsführer, den Staat zerstören wolle, in Washington D. C. abgeschrieben.

Krisenmanager der Ultrarechten

Für Europas Populisten gilt Bannon aber als Ikone, wie seine Auftritte in Europa zeigen. So sprach er auf dem Parteitag bei Marine Le Pen in Lille, traf in einem Züricher Hotel nebenbei die deutsche AfD­-Protagonistin Alice Weidel, Co-­Vorsitzende der neuen Bundestagsfraktion, die in der Schweiz lebt. Beide Damen brauchen einen Krisenmanager. Le Pen legte sich nach zahlreichen internen Querelen und einem Sinkflug bei den Wählern einen neuen Parteinamen zu und Weidel ist von internen Skandalen absorbiert. Bannon erklärte an seinem Auftritt in Zürich, alle populistischen Bewegungen, egal ob in Italien, Ungarn, Polen oder der Schweiz gehörten zusammen. Der Gastgeber des gescheiterten Bannon, SVP­Nationalrat Roger Köppel, widersprach ihm nicht. Bisher hatte die im europäischen Vergleich moderate SVP stets darauf bestanden, weder mit Populisten in den Nachbarländern noch mit Trump etwas zu tun zu haben. Den SVP­ Strategen Christoph Blocher lobte Bannon als «Trump before Trump» und erklärte, es habe vielleicht alles in der Schweiz seinen Anfang genommen, damals 1992, als das Land entschied,sich aus dem Projekt Europa herauszuhalten. Feiner Zwirn gegen Kryptowährung Für die Kritik des ehemaligen Investmentbankers Bannon an den Banken und grossen Unternehmen hatte das Publikum wenig übrig. Laut Bannon sind Kryptowährungen der zentrale Baustein, um eine anti­elitäre Bewegung zu schmieden und die Herrschaft der Zentralbanken zu brechen. An solchen Stellen mussten sich Köppel & Co. arg winden. Denn im Publikum sassen eben keine wütenden Männer, keine «Blue Collar­Workers» oder «Rednecks» aus Alabama. Die meisten Zuhörer erschienen in feinen Zwirn gekleidet. Die Kernbotschaft von Bannon: Das Volk erhebe sich überall und wolle seine Souveränität wieder zurückgewinnen. Europas Populisten sind weniger durch gemeinsame Ziele, als vielmehr durch ihre Frontstellung gegen «die da oben» geeint. Wie einen Schwamm saugen Populisten alles auf, was Ihnen auf ihrem Feldzug gegen das Establishment hilft, auch wenn es nur Fassade ist. Populisten arbeiten mit der Provokation, dem bewussten Tabubruch, um Aufmerksamkeit zu generieren und damit am Ende Wählerstimmen zu gewinnen. In Bannons Worten: «Trump ist eine panzerbrechende Granate gegen die permanente politische Klasse.» In der Schweiz gehört SVP­-Stratege Christoph Blocher–wie viele seiner superreichen Parteifreunde – längst zum Establishment. Er sass in den Verwaltungsräten bedeutender Schweizer Unternehmen, war Mitglied der Landesregierung, seine Partei stellt zwei Bundesräte und er ist auch ein bedeutender Verleger mit Hundertausenden von Lesern. Wenn er nicht zum Establishment gehören will, dann gehört er eben zur neuen Elite.