Über den Tätertypen von Halle (“einsamer Wolf”). Interview in der Tagespost, 10.08

Der Täter von Halle war ein „einsamer Wolf“

Terrorismus-Experte Florian Hartleb erläutert im Interview, was unter einem „einsamen Wolf „zu verstehen ist und welche Gefahren von diesem Täter-Typus ausgehen.

Interview mit Sebastian Sasse und Michael Kunze in der “Tagespost”, 10. Oktober 2019

Herr Hartleb, der Anschlag von Halle erschüttert die Öffentlichkeit. Sie haben sich intensiv mit dem  Typus “des einsamen Wolfes” beschäftigt. Passt diese Beschreibung nach dem was bisher bekannt ist auch auf den Täter in Halle?

Für die Tathandlung auf jeden Fall. Anders als die virtuelle Gerüchteküche vermeldete, handelte der Täter in der Tatausführung alleine. Stephan B. plante lange seien Taten Er trug bei seiner Tat eine Helmkamera, lud zwei Videos seiner Tat ins Internet auf die Plattform Twitch hoch. Er hinterließ auch ein Manifest, das seinen Judenhass in den Mittelpunkt stellt. Auch andere Anschlagsziele kamen für ihn in Frage, neben der Synagoge Moscheen oder linksradikale Kulturzentren. Stephan B. passt in das Muster: exzessiver Computerkonsum, Frauenhass und ein Denken in Verschwörungstheorien, hier antisemitisch konnotiert. Kurz gesagt: Der Täter war im realen Leben isoliert, im virtuellen Leben höchst aktiv. Ein Muster für diesen Tätertypus, also eine Mischung aus persönlichen Frustrationen und politischen Motiven.

Was zeichnet die sogenannten “einsamen Wölfe” aus? Wird dieser Terroristen-Typ zunehmen? Ist er weltanschaulich gebunden oder ist er sowohl unter Rechtsextremen, Linksextremen und Islamisten zu finden?

Hier muss gleich einem verbreiteten Missverständnis vorgebeugt werden: Natürlich operieren einsame Wölfe nicht im Vakuum. In der Vorbereitungsphase werden sie direkt von Menschen unterstützt, die ihnen unwillkürlich bei der Tatausführung helfen, etwa Waffenhändler, und indirekt von Menschen, die “Inspiration” bieten, etwa Vorbilder im Internet. Im Fall von Halle war es Christchurch. Video und Manifest waren auf Englisch, was dafür spricht, dass der Täter auf eine Weltöffentlichkeit zielte. Es spricht vieles dafür, dass wir diesen Tätertypus häufiger erleben werden. Nach wie vor gibt es aber auch islamistische Einzeltäter, etwa radikalisierte Flüchtlinge. Und in den USA gibt es nun auch linksextremistische einsame Wölfe, zwei Fälle von radikalen Hassern von Donald Trump. Generell ist es wichtig, die verschiedenen Extremismen zu vergleichen, da sich Parallelen finden, etwa im Radikalisierungsprozess.

Wie sind Sie darauf gekommen, sich mit dem Phänomen auseinanderzusetzen?

Auslöser dafür war nicht der NSU, sondern der Anschlag des Deutsch-Iraners David S. am und im Münchner Olympia-Einkaufszentrum am 22. Juli 2016 mit neun Toten, der lange nicht als rechtsextremistische Tat eingestuft wurde. Ich lege nach umfangreicher Sichtung der Ermittlungsakten zahlreiche Fakten vor, dass dem aber so ist und blicke über Deutschland hinaus.

Welche Belege sind das?

Einerseits ist es kein Zufall, dass S. am fünften Jahrestag der Anschläge in Norwegen zuschlug, bei denen der Islamfeind Anders Behring Breivik 77 Personen ermordete. Außerdem haben fast alle Münchner Opfer Migrationshintergrund. Aufzeichnungen des Täters untermauern sein Feindbild. Um einem politischen Milieu zugerechnet werden zu können, muss man zudem nicht einer organisierten Struktur angehören. Den Ermittlungsfokus nur auf psychische, schulische, familiäre Aspekte zu legen, auch wenn sie wichtig bleiben, verharmlost derartige Taten.

Sie nennen Täter wie S. oder Breivik „Einsame Wölfe“ – was macht diese aus?

Im Gegensatz zum Amokläufer, der persönliche Rechnungen begleichen will, weil er der Auffassung ist, dass ihm jemand Bestimmtes Unrecht getan hat, ist der „Einsame Wolf“ ein Terrorist, also ein Gewalttäter mit politischer Absicht. Auch wenn er einzeln zuschlägt, kann er sich einer größeren Gruppe zugehörig fühlen und sich davon mindestens postum Ansehen erhoffen.

Dass jemand auf sich gestellt Gewalt ausüben will, ist kein Zufall?

Genau. Die Betreffenden sind oft unfähig, stabile Sozialbeziehungen einzugehen, unabhängig von einer Gewalttat. Sie suchen in einer Ideologie Halt, die sie nicht zurückweist und es ihnen ermöglicht, widerspruchslos Hass zu bündeln.

Warum sind Einzeltäter so gefährlich?

Nicht so sehr wegen der Anzahl der verübten Verbrechen, jedenfalls bis dato in Deutschland. In den USA sieht es anders aus. Der „führerlose Widerstand“ macht sie für Ermittler aufgrund zurückhaltender Kommunikation schwerer identifizierbar, zumal sie auch, anders als islamistische Einzeltäter, fast durchweg Einheimische und bis zum Tag X straffrei sind.
 
Wie und wo radikalisieren sie sich?

Vor allem im Internet, das Strategieaustausch erleichtert und ideologische Manifeste schnell verfügbar macht, etwa von Vordenkern wie den Amerikanern Louis Beam, einem Ku-Klux-Klan-Aktivisten, oder William Pierce, dessen „Turner-Tagebücher“ über weiße Überlegenheitsgefühle als „rechtsextremistische Bibel“ gelten. Dazu kommt das Darknet, über das Waffen beschafft werden, virtuelle Galerien mit Vorbildern, an denen sie sich messen wollen und Spiele-Plattformen, auf denen Gewaltfantasien vertieft werden.
 
Computerspiele mit derlei Potential gibt es aber seit langem, etwa „Wolfenstein“ oder „Doom“. Hätten sie großen Einfluss, müssten doch viel mehr Leute gewalttätig sein.

Sie sind ein Baustein. Vor allem männliche Heranwachsende wollen sich messen, suchen nach Rollenvorbildern, die ihnen die Gesellschaft immer weniger zu liefern scheint. Gewalt-Spiele lösen für manche die Sehnsucht nach Geltung ein, die durch die so vor Jahren noch fehlende Vernetzung neue Möglichkeiten bietet. Es geht ja nicht um ein Massenphänomen. Auch wenn sich wenige radikalisieren, kann das Unheil groß sein.
 
Welchem Feindbild folgen rechte Einzeltäter?

Florian Hartleb
Der Politikwissenschaftler Florian Hartleb arbeitet als politischer Berater und Publizist. Foto: privat

Sie sehen die „weiße Rasse“ als überlegen an und zugleich bedroht. Sie wehren sich gegen „Dekadenz“, etwa eine „Homosexualisierung“ der Gesellschaft, „Verdummung“, Drogenkonsum, dazu „jüdischen Einfluss“, Willkommenskultur und treten ein für strikte Hierarchien und den starken Mann. Dabei soll ihre Tat diese Ideale verbreiten helfen.
 
Was können Politik, Behörden, die Gesellschaft allgemein tun?

Wir dürfen nicht die Fehler von einst wiederholen. Vor vierzig Jahren richtete sich fast alle Aufmerksamkeit auf die RAF, während die rechte „Wehrsportgruppe Hoffmann“ in der alten Bundesrepublik kaum behelligt wurde. Dabei hatte der Attentäter vom Oktoberfest 1980 mit 13 Toten zeitweilig Kontakt zur Gruppe. Wir müssen trotz des Gewalt-Islamismus andere politische Täter im Blick behalten und uns der Propaganda, die von jeder einzelnen Tat selbst ausgeht, bewusst sein.

Das heißt konkret?

Auch Einzeltäter können stark wirken durch mediale Aufmerksamkeit, Falschmeldungen, Gerüchte. Gerade in Zeiten, in denen etablierte Medien an Glaubwürdigkeit eingebüßt haben, braucht es Seriosität in der Berichterstattung. Es geht bei den Tätern auch nicht um bloß Wahnsinnige, sondern Akteure, die minutiöse Pläne verwirklichen – Pläne, die in Extremform Rückschlüsse zulassen, wo eine Gesellschaft in Schieflage ist. Wir müssen Täter-Biografien genau anschauen, Einsamer-Wolf-Terrorismus grundsätzlich stärker beachten, dazu Plattformen wie Twitter oder Facebook. Wie wenig die eigenverantwortliche Prüfung von Inhalten dort klappt, belegt die Diskussion in den USA über Rechtsextremismus am Beispiel der als hochgefährlich eingeschätzten Gruppe „Atomwaffen Division“, die auch „Einsame Wölfe“ inspiriert.
 
Zudem verweisen Sie darauf, potenzielle Täter kommunizierten ihre Gewaltlust oft freimütig …

… nur werden sie damit selten rechtzeitig ernstgenommen. Umso wichtiger bleibt es, auch im sozialen Umfeld aufmerksam zu sein, etwa wenn jemand sich in Kriegermentalität gebärdet, missionarischen Eifer an den Tag legt, sich mit Gewalttätern identifiziert und Sympathien für Waffen bekundet. Und auf die verantwortungslose Haltung der Computerspiele-Industrie, die in ihren Internetforen viel zu wenig etwa gegen Rassismus unternimmt, muss man auch hinweisen.

 

Zur Person:
Florian Hartleb hat 2018 die Studie „Einsame Wölfe – Der neue Terrorismus rechter Einzeltäter“ im Verlag Hoffman und Campe veröffentlicht. Der Politikwissenschaftler, Jahrgang 1979, der in Passau studiert und in Chemnitz bei Extremismus-Forscher Eckhard Jesse promoviert hat, arbeitet als politischer Berater und Publizist

Link: 

https://www.die-tagespost.de/politik/aktuell/Der-Taeter-von-Halle-war-ein-einsamer-Wolf;art315,202109