Über Deutschlands Abschneiden bei der Pisa-Studie. Meine Analyse auf Cicero.de (4.12)

AKTUELLE PISA-STUDIE 2019

-Kartell der Mittelmäßigkeit

Cicero.de

Laut der aktuellen Pisa-Studie kann jeder fünfte Schüler Texte nicht richtig verstehen. Diese Lesekompetenz ist aber unabdingbar, um sich in der digitalen Welt zurechtzufinden. Ausgerechnet Estland zeigt, wie digitalisierter Unterrichts auch das Verständnis von Texten fördert

07.03.2019, Niedersachsen, Gehrden: Schüler einer 7. Klasse lernen mit iPads im Matheunterricht an der Oberschule Gehrden in der Region Hannover. Die Oberschule Gehrden gehört bei digitalen Lernen zu den führenden Schulen in Deutschland. Seit sieben Jahren - und damit schon lange vor dem Digitalpakt der Bundesregierung - findet der Unterricht hier auf eigene Initiative fast komplett in digitaler Form statt.
Wer lesen kann, ist klar im Vorteil – auch im Internet / picture alliance

Wie lässt sich ein Kartell der Mittelmäßigkeit wachrütteln? Eine farblose Bildungsministerin fordert nun einen Aufbruch. Ein Ruck soll also durch Deutschland gehen, wie es der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog einst formulierte. Pisa zählt. Immerhin, möchte man meinen. Denn Schule verdichtet brennglasartig Zustände in der Gesellschaft.

Der Wohlstand einer Gesellschaft hängt maßgeblich davon ab, wie sie das Wissen und die Kompetenzen ihrer Bevölkerung nutzt und zur Entfaltung bringt. Auch wenn sich über Methodik und Evaluierung trefflich streiten lässt, schlagen Pisa-Veröffentlichungen hohe Wellen. Hier wirkt das Jahr 2000 nach, als der so genannte „Pisa-Schock“, ausgelöst durch schlechte Ergebnisse bei den Schülerleistungen, eine bildungspolitische Debatte über Monate entfachte.

 Sinkende Lesekompetenz 

Der Schwerpunkt der aktuellen Erhebung lag auf der Lesekompetenz. Es ging um das das Verständnis von Texten, das Erfassen von Kontexten, die Fähigkeit, Quellen zu erkennen und einzuordnen. In einer digitalen Welt liegt hier eine Schlüsselqualifikation, zumal junge Menschen das Smartphone, nicht die gedruckte Tageszeitung nutzen. Die Erfahrungen mit Texten, die Jugendliche außerhalb von Schule machen, sind zu einem großen Teil digital. Die Ergebnisse der Pisastudie zeigen, dass die Länder, die auf digitale Bildung im Unterricht setzen, gezielt die Lesekompetenzen verbessern.  

Lesekompetenz ist die Schlüsselkompetenz für Bildungserfolg, sie zu fördern ist deshalb eine zentrale Aufgabe der Schule, ob digital oder analog. Nun zeigen die Ergebnisse, dass wir unteres Mittelfeld sind. Aus dem Fußball wissen wir, dass liebgewonnene graue Mäuse auch einmal absteigen können. Der VfL Bochum spielt nicht mehr in der ersten Liga, der SV Meppen nicht mehr in der zweiten. Nun drängt sich die Frage auf, was falsch läuft. Die Alarmglocken klingeln, wenn ein Fünftel der 15-Jährigen in Deutschland den Sinn von Texten kaum richtig erfassen kann. 

Wo bleibt die Digitalisierung? 

Stellt sich die Frage nach den Rahmenbedingungen: Seit Jahren wird viel über digitale Schulbildung diskutiert, aber immer noch im Pro-Contra-Duktus. Es hapert aber bereits an der Infrastruktur. In der Fläche ist Deutschland immer noch eine digitale Bleiwüste, jede dritte Schule hat kein W-Lan. Die Schulen in Deutschland haben sich bei der digitalen Bildung zwar auf den Weg gemacht, Schulleitungen und Lehrkräfte schätzen das Thema als bedeutsam  ein.Doch das wirkt sich kaum aus: Lehrer und Schulleiter nehmen Digitalisierung vor allem als eine zusätzliche Herausforderung wahr. Nur 15 Prozent der Lehrer sind versierte Nutzer digitaler Medien. Die meisten Schulen haben bislang weder ein Konzept für den Einsatz digitaler Lernmittel entwickelt, noch reflektieren sie den digitalen Wandel als Bestandteil ihrer systematischen Schul- und Unterrichtsentwicklung. In der Regel entscheiden die Lehrer selbst, ob und wenn ja welche digitalen Medien sie einsetzen.

Auch ihre entsprechende Weiterbildung müssen sie sich zumeist selbst organisieren. Viele verbeamtetet Lehrer sind aber auch selbst zu sehr fixiert darauf, dass eine Vorgabe aus dem Ministerium kommt – oder ein neues Lehrbuch. Jeder Lehrer sollte selbst so viel wie möglich darüber nachdenken, was der richtige Unterricht ist, um die Kinder auf die Welt von morgen vorzubereiten. Die Bertelsmann-Stiftung konstatiert ernüchtert: Kaum eine Schule behandelt Digitalisierung als strategisches Thema. Nur 8 Prozent der Schulleiter messen ihr eine strategische Bedeutung bei. Die meisten Schulen haben weder ein Konzept für den Einsatz digitaler Lernmittel, noch reflektieren sie den digitalen Wandel als Bestandteil ihrer systematischen Schul- und Unterrichtsentwicklung. 

Trendsetter Estland

Europas Spitze hat Estland inne: Der nordostmitteleuropäische Staat mit der Einwohnerzahl von München, 1,3 Millionen, und der Fläche von Niedersachsen hat den Ruf, digitaler Trendsetter Europas zu sein. Eine Wirtschafts- und Industriemacht, der oft gepriesene „Standort Deutschland“ soll von einem ehemaligen sowjetischen Ostblockteilstaat lernen – wie passt das zusammen? Wie viel Geld ein Land für Bildung ausgibt, ist offenbar  nicht ausschlaggebend für den Erfolg.

Estland hat pro Schüler viel weniger Geld als, wie OECD-Statistiken belegen. Digitalisierung fängt dort aber buchstäblich mit den Kindesbeinen an: Programmieren lernen Schüler schon im Grundschulalter; von staatlicher Seite ist ein Computer bereitgestellt. Seit 1999 sind alle estnischen Schulen ans Internet angeschlossen, demnächst soll es alle Schulbücher auch digital geben. Entscheidend für die Entwicklung des estnischen Schulsystems waren die 1990er Jahre.

Digitales Klassenbuch

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion setzten Länder wie Ungarn oder Tschechien auf Schulsysteme, die den Wünschen der Eliten entsprachen. Anders Estland: Hier setzte man auf Gleichheit und Fairness, pflegt bis heute einen inklusiv-egalitären Ansatz. Seit 2002 nutzen fast alle Schulen in Estland das digitale Klassenbuch „E-kool“. Die Lehrer tragen dort ein, was sie in einer Unterrichtsstunde behandelt haben, welche Hausaufgaben es gibt, wer gefehlt hat. Die Eltern können die Daten ihrer Kinder einsehen und dem Lehrer Nachrichten schicken oder Entschuldigungen hochladen. E-Kool ist eine Informationsplattform, die von der estnischen Regierung entwickelt wurde.

Es umfasst das digitale Klassenbuch, ist Kommunikationskanal zwischen Schülern, Eltern, Lehrern und Schulleitung. Darüber hinaus ist E-Kool ein soziales Netzwerk, beinhaltet die Notengebung und gibt einen Leitfaden für die Bewertung der Schülerinnen und Schüler. Somit sind Schüler und Eltern immer auf dem neusten Stand. Die Schule verfügt über einen sogenannten Bildungstechnologen. Dieser unterstützt die Lehrkräfte im Umgang mit der neuen Informations- und Kommunikationstechnologie. Er gibt Fortbildungen und Workshops und ist Ansprechpartner für alle Fragen rund um die IT. Und Schülerinnen und Schüler werden in Klassen gezielt zu Vordenkern gemacht. Bereits jetzt pilgern unzählige deutsche Delegationen nach Estland, um Digitalisierung zu lernen. Die Zahlen dürften nun nach den Ergebnissen der neuen Pisa-Studie weiter zunehmen. 

Digitalisierung als Schlüssel 

Deutschlands Digitalisierung sollte bereits in den Klassenzimmern anfangen. Dort fällt die nach wie vor die klare Dominanz der traditionellen „Office“-Welt auf. Heute sprechen wir aber von einer sicheren und verlässlichen WLAN-Anbindung sowie von Cloud-Diensten, ebenso von geschützten didaktischen Materialien. Wer in Zukunft Arbeit oder gar gute Jobs will, braucht IT-Kompetenz.

Dazu gehört aber weiter das Lesen. Wenn wir da zurückfallen, verlieren wir den Anschluss, nicht nur gegenüber China und Singapur, sondern auch innerhalb Europas. Viel Zeit haben wir nicht für notwendige Reformen: Niemand kann schließlich vorhersehen, welche technologischen Möglichkeiten es in fünf Jahren geben wird. Schon jetzt diskutieren wir über Künstliche Intelligenz und Blockchain. Machen wir nicht mit, sind wir bald mit unserem Latein am Ende, zumal sich ohnehin bereits Nivellierungstendenzen breitgemacht haben. Einer grauen Maus droht der Abstieg. 

Link: 

https://www.cicero.de/kultur/aktuelle-pisa-studie-2019-oecd-lesen-digitalisierung-estland?fbclid=IwAR2sygJjpXewjYTEvitR3UjXARNFtG2dDR_kzaZAC8Ys4DHhra1RgZwFdwE