Veröffentlichung zum OEZ-Anschlag vom 22. Juli 2016 und zu meinen neuen Erkenntnissen (veko online – Sicherheitsmanagement)

Titelgeschichte in der Ausgabe 5/2018

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Die neue Ausgabe, etwas verspätet, ist wie gewohnt, wieder eine Mischung sicherheitsrelevanter Themen aus den Bereichen Privater Sicherheit und Polizei, wobei sich die Bereiche der Sicherheitswirtschaft und -technik die Waage halten.

Die Titelgeschichte „Die Vernachlässigung des virtuellen Raums, Erkenntnisse aus dem Münchener Rechtsterrorismus vom 22. Juli 2016″ von unserem Autor Florian Hartleb greift ein Zeitthema auf, das viele kennen, aber über das man aber nicht spricht. Nicht jedem wird gefallen, was unser Autor zu sagen hat. Für Diskussionsstoff werden seine Ausführungen auf jeden Fall sorgen.

Ihr

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Thomas Lay
Chefredakteur

Online abrufbar: 

https://www.veko-online.de/titel/die-vernachlaessigung-des-virtuellen-raums.html

Gedenken an die Opfer des Münchner Amoklaufs 2016 Foto: © Von Guido van Nispen – https://www.flickr.com/photos/vannispen/28715089696/, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=50975981

Hier eine Zusammenfassung: 

Die Vernachlässigung des virtuellen Raums

Erkenntnisse aus dem Münchener Rechtsterrorismus vom 22. Juli 2016

Von Florian Hartleb

Meines Erachtens ist eindeutig, warum das Attentat vom 22. Juli 2016 in München als Rechtsterrorismus und entgegen der Behördeneinschätzung nicht als unpolitischer Amoklauf zu werten ist.Als Gutachter der Stadt München hatte ich Zugang zu den Ermittlungsakten. Wer sich die Äußerungen Sonbolys gesammelt anschaut und im politischen Kontext sieht, kann unweigerlich nur ein rechtsextremistisches Denken bzw. Weltbild erkennen.

 

  • Stolz, ein Arier und Deutscher zu sein (hier unter Einbeziehung des persischen Ariergedankens);
  • exzessiver-explosiver Hass gegenüber ethnischen Gruppen (Türken als “Kakerlaken”, Albaner, Bosnier);
  • Sendungsbewusstsein und Narzissmus (Rettung des “Vaterlandes” Münchens vor „Überfremdung“ auch mit Blick des Flüchtlingszuzugs im Herbst/Winter 2015; Rolle als “Erlöser”; “München als Zukunft Deutschlands”; “Anschläge für mein Land, für Deutschland”);
  • „Kampf“ als Daseinsprinzip;
  • Bezug zum Nationalsozialismus in den Klinikäußerungen;
  • Denken in Verschwörungstheorien (“Freimauer und Illuminaten als Gegner der Anschläge”).
  • Befürworter von Gewalt und Zerstörung (mit dem Rechtsterroristen “Breivik” und Amokläufern als “Vorbilder”);
  • ideologische Motive bei der Opferauswahl (etwa militanter Türkenhass).

Nun hat der Fall David Sonboly eine weitere Wendung bekommen, auf die ich bei meinen internationalen Recherchen stieß. Verblüfft nahm ich im April 2018 einen frei verfügbaren Artikel in den US-Medien zur Kenntnis, die ganz neue Kontakte von Sonboly enthüllte, und den ich umgehend an das Bayerische Landeskriminalamt (BLKA) weiterleitete. Die Behörde wusste von der öffentlich zugänglichen Information scheinbar nichts oder gab es mir gegenüber vor. So informierte ich, über das offenkundige Desinteresse verwundert, investigative Journalisten über diese frei zugänglichen Fakten, die nach weiteren Recherchen eine Existenz von geistigen Zwillingen mit ähnlicher Weltsicht und Tatabsicht nahelegten. Einer dieser Journalisten war Christian Bergmann, der unter anderem für „ARD Fakt“ arbeitet. Er fand schnell heraus, was der Artikel präjudizierte: Sonboly war mit einem Gleichgesinnten aus Deutschland Teil eines virtuellen Netzwerks von potentiellen Massenmördern. Als Schlüsselfigur darin fungierte der 21-jährige William Atchison, der im Dezember 2017 in Aztek, New Mexiko ein Schulattentat verübte, zwei Studierende ermordete und sich dann, wie beabsichtigt, selbst richtete. Die beiden standen im Online-Kontakt, kommunizierten über die Plattform „Steam”, wie ein Sheriff zu Protokoll gab.

 Anti-Refugee-Club auf Steam

In einem Forum namens „Anti-Refugee-Club“, auf einer Gaming-Plattform tauschten sie rechtsextremistische und rassistische Inhalte, Amok- und Attentatsfantasien sowie globale Tötungslisten aus. Sonboly war Teil der virtuellen Gemeinschaft, als er sich dem „Anti-Refugee-Club“ anschloss, der vor einer muslimischen Invasion in Europa und Deutschland warnte und zum Zeitpunkt der Tat 261 Mitglieder hatte. Auslöser war offenbar die Silvesternacht in Köln. Die Inhaltsbeschreibung machte auch den gefakten Fall „Lisa“ zum Thema, bei dem angeblich ein russlanddeutsches Mädchen von einem Flüchtling vergewaltigt worden war, was sich im Nachhinein als Fehlinformation herausstellte. Die Gruppe gründete sich offenbar als Reaktion auf die Silvesternacht in Köln. 

 Die Eigenbeschreibung der Gruppe lautet: „Europa hat den Fehler gemacht, Parasiten, die als ‚muslimische Flüchtlinge’ reinzulassen. Seit der Ankunft dieser Migranten herrscht in Europa Chaos, und eine große Mehrheit an Europäer gehört zu den ‚Cucks’, also ist kopfgewaschen und medial manipuliert mit Sympathien für diese Parasiten. Bleibt es bei dieser Masseninvasion, ist das Europa, wie wir es kennen, zerstört. Wie wir es während der Attacken in Paris 2015 sehen mussten, sind diese Einwanderer leicht in der Lage, zu Massenmördern zu werden und ein Massaker auszulösen, dem hunderte Unschuldige zum Opfer fallen.“ Im realen Leben wären zahlreiche der gemachten Äußerungen strafbar, etwa die dort grassierende Holocaustleugnung und die Verbindung mit der feindlichen Haltung gegenüber Flüchtlingen („damals habt ihr Deutschen es auch hinbekommen“). Es gab ein Gruppenmitglied, das sich „Gruppenführer SS” nannte oder einen Kommentar mit der Überschrift „Viertes Reich, wann.“ Der Inhalt passt zu den Äußerungen, die David Sonboly etwa am 1. Januar 2016 in einem Chat äußerte. Er lamentierte, „wenn man nachdenkt, haben wir den Terroristen einen Freifahrtschein nach Deutschland gegeben.“Nach den Morden von David Sonboly im Münchner OEZ feierte Atchison den Attentäter. Der US-Amerikaner, ein bekennender Rassist, sorgte dafür, dass Sonboly in einer virtuellen Ahnengalerie, die Wikipedia ähnelt, als Held verewigt wurde (er wurde zudem auf Steam zum „Ehrenspieler“ ernannt). Das verwundert nicht: Einzeltäter werden trotz nachgewiesener sozialer Störungen in solchen Foren großgemacht und überhöht.

 

Spieleindustrie als rechtsfreier Raum

Aus Kommerzinteressen wird terroristischen Aktivitäten kein Riegel vorgeschoben. Auf „Steam“ können potenzielle Terroristen immer noch weitgehend unbeobachtet agieren. Unter Hundertausenden von Spielern, die jeden Tag allein Counterstrike spielen, können sie sich leicht verbergen. Während der Games sind Text- und Voicechats möglich – eine ideale Plattform, sich kennenzulernen. Ermittler können die schwarzen Schafe nur schwer ausfindig machen. Am effizientesten scheint es, wenn Spieler untereinander Verstöße melden, Ihnen aggressives, hasserfülltes Verhalten auffällt. In Deutschland ist Anfang des Jahres das sogenannte Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) in Kraft getreten. Es schreibt vor, dass Online-Plattformen wie Facebook klar strafbare Inhalte binnen 24 Stunden nach einem Hinweis löschen müssen – und in weniger eindeutigen Fällen eine Woche Zeit haben. Bei Verstößen drohen Strafen von bis zu 50 Millionen Euro. Wenn die Netzwerke nicht schnell genug reagieren, können sich die User beim Bundesamt für Justiz beschweren. Computer- und Videospiele fallen aber nicht unter das Gesetz, weshalb die Wirksamkeit begrenzt sein dürfte. Offenbar durch die Lobby der Spieleindustrie wurden Online-Spiele nach dem ersten Gesetzesentwurf ausgenommen. Der Fokus auf Facebook und Twitter wirkt angesichts dieser Bedrohungslage – ungeschützter Austausch auf „Steam“ – ohnehin antiquiert.

 

Wer den laschen Umgang mit der mächtigen Video- und Gamingindustrie betrachtet, erkennt, dass die Gefahr weder erkannt noch gebannt ist. Längst existiert eine globale Online-Subkultur, die höchst interaktiv ist und über nationale Grenzen hinweg agiert. Die Aktivisten müssen dabei nicht das eigene Zimmer verlassen, in den Krieg ziehen oder im Untergrund leben. Ein Computer und ein Internetzugang reichen ihnen aus. Dies gilt es in Zukunft zu beachten. Auch die Branche selbst ignoriert die politische Bedrohungslage.