Wie manipuliert man ein ganzes Volk? Statements von mir in Hörzu Wissen

Hörzu Wissen: Ausgabe Juli/August 2017

Wie manipuliert man ein ganzes Volk? 

Massen mobilisieren, Menschen an sich ziehen, neue Anhänger rekrutieren: Wie schaffen es Populisten immer wieder, ein ganzes Volk zu manipulieren? Wie konnte Recep Tayyip Erdoğan zum Alleinherrscher der Türkei werden – und das nicht etwa durch einen Staatsstreich, sondern durch ein Referendum? Warum ist Wladimir Putin seit 1999 praktisch unangefochten an der Macht? Und wie konnte Donald Trump Präsident der USA werden mit aberwitzigen Versprechungen und falschen Behauptungen? „Schaut, was in Deutschland passiert“, sagte er bei seiner Rede in Florida. „Schaut, was gestern abend in Schweden passiert ist. Sie haben Fremde aufgenommen und jetzt haben sie Probleme, die sie nie für möglich gehalten hätten.“ Hatte es einen Anschlag in Schweden gegeben? Nein – Trump hatte nur im Fernsehen die Ankündigung einer Dokumentation aufgeschnappt.

Wir-Kult

„Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist der Schlüssel“, sagt Politikwissenschaftler Florian Hartleb, Autor des Buches „Die Stunde der Populisten“ (Wochenschau-Verlag, 240 S., 16,90 Euro). „Ob totalitäre Regime oder populistische Bewegungen, sie beschwören alle das Konstrukt eines homogenen Volkes: Wir sind das Volk, und ich bin euer Anführer. Und im nächsten Schritt heißt es dann ,Ich weiß, was ihr denkt’.“ Menschen, die sich danach sehen, gehört zu werden, glauben natürlich eher jemandem, der einer von ihnen ist – auch wenn er sich nur als solcher ausgibt. Multimillionär Trump etwa versteht sich selbst als Anführer der amerikanischen Arbeiterklasse. „Wir sind alle Brüdern und Schwestern“, sagt er. 

Ängste Schüren

Die Furcht ist eines der stärksten Gefühle, es kann alle anderen überlagern. Ein wichtiges Stilmittel der Manipulation ist es daher, Ängste zu schüren. Hartleb: „Man nennt das auch ,umgekehrte Psychoanalyse‘. Es geht einem Demagogen nicht darum, Ängste zu nehmen, sondern durch ständige Wiederholungen zu verstärken.“ Hitler beschwor die Furcht vor Juden, Trump warnt vor den Mexikanern, für Erdogan sind die angeblichen Putschisten die größte Bedrohung, aber auch die Deutschen, die den Terror fördern. Und immer wird die Angst in Wut transformiert. „Es reicht nicht aus, nur die eigene Stärke zu beschwören“, sagt Hartleb. „Ohne Feindbilder geht es nicht.“ Und so wie „das Volk“ verallgemeinert wird, so auch der Gegner: Mexikaner sind dann allesamt Vergewaltiger, Muslime ohne Ausnahme Terroristen.

Allgemein sein

Geplant oder auch unbewusst nutzen Politiker besonders häufig Techniken des NLP, des Neuro-Linguistischen Programmierens. Die in den 1970er Jahren entstandene Lehre setzt darauf, Menschen gezielt zu manipulieren, indem man erst einen Kanal zu ihnen aufbaut und sie dann steuert: Hat man erst einmal das Vertrauen, bestimmt man die Richtung des Denkens. Dazu gehört etwa „unspezifische Verben“ zu benutzen, wie in „Make America great again“ („Mach Amerika wieder groß“). Denn was „machen“ wirklich bedeutet, bleibt vage – muss man arbeiten, um das Land wieder nach vorn zu bringen? Mehr fernsehen? Oder womöglich nur Trump zujubeln? Weil die Phrase alles bedeuten kann, findet sich praktisch jeder in ihr wieder. 

Desinormation

Trumps Beraterin  Kellyanne Conway nennt es „alternative Fakten“: Das Weglassen und Verdrehen von Informationen, bis sie in den eigenen Kram passen. Und wenn das nicht genügt, tut es auch eine faustdicke Lüge. Als der Präsident jüngst beim Staatsbesuch in Saudi-Arabien ein Waffengeschäft besiegelte, twitterte er, er habe „Millionen von Jobs“ geschaffen. Tatsächlich sorgt der Deal für gerade mal 450 Stellen – und selbst die werden wohl nicht in den USA entstehen. Die  eigenen Leistungen schönzureden, ist eine der wichtigsten Strategien von Demagogen. Dazu kommt die Erkenntnis, die schon Heinrich von Kleist (1777–1811) formulierte: „Was man dem Volk dreimal sagt, hält das Volk für wahr.“ Je häufiger man eine falsche Information wiederholt, desto eher wird sie geglaubt. Aber die Manipulation ist oft auch deutlich subtiler und schwerer zu erkennen: „Befindlichkeiten sind ja sehr subjektiv“, sagt Florian Hartleb. „Um eine Masse zu beeinflussen, kann ich den Menschen einreden, dass es ihnen schlecht geht. Um dann vorzugeben, sie zu stärken. Ich nutze die angebliche Schwäche, um das Volk an mich zu binden.“ Trump schreibt seine Botschaften am liebsten über den Kurznachrichtendienst Twitter – aus gutem Grund: Wer als erster eine Nachricht verbreitet, hat erst einmal die Deutungshoheit. Dazu kommt: „Glaubwürdigkeit ist nicht unbedingt ein Wert“, so Florian Hartleb. „Die Amerikaner finden nicht, dass Trump der ehrliche Makler ist, im Gegenteil. Sie bewundern ihn ein bisschen dafür, dass er ein Dealmaker ist, ein cleverer Trickser.“

Unterm Strich scheint es also gar nicht so schwer zu sein, ein ganzes Volk zu manipulieren. Doch ohne eine unterschwellige Bereitschaft in der Masse geht es nicht. In den 1930er Jahren sehnten sich die Deutschen nach Ordnung und neuer Stärke – Adolf Hitler versprach beides. Auch in der Türkei steht Erdogan für ein neue Selbstbewusstsein. Und in den USA steht Hillary Clinton, die demokratische Gegnerin Trumps im Kampf ums weiße Haus, für das unbeliebte politische Establishment. Trump dagegen versprach, den Amerikanern eine Stimme zu geben, die sich von „denen da oben“ zurückgelassen fühlen. Ohne diese Grundstimmung hätte er es wohl nicht geschafft – allen Tweets zum Trotz. 

Von Michael Fuchs

 

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