Zum 22. Juli 2016, Attentat in München. Aufmacher in der Fachzeitschrift “Kriminalistik”

 

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KRIMINALISTIK Zeitschrift

 Bereits im 70. Jahr erscheint KRIMINALISTIK als Unabhängige Zeitschrift für die kriminalistische Wissenschaft und Praxis. Sie behandelt monatlich Themen wie Kriminalpolitik, Kriminologie, Kriminaltechnik, Strafrecht, Polizeiliche Aus- und Fortbildung sowie Rechtsmedizin. Die Rubriken Recht Aktuell und Literatur sowie die Redaktionen Schweiz, Österreich und KRIMINALISTIK-Campus runden den Inhalt ab.

Editorial der Ausgabe Dezember 2017

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Verehrte Leserinnen und Leser,

am 22. Juli 2016 erschoss der Deutsch-Iraner David S. beim Olympia-Einkaufszentrum in München neun Menschen. Der polizeiliche Großeinsatz war in vielerlei Hinsicht bemerkenswert, vor allem die mediale Lagebewältigung durch die Bayerische Polizei wurde zu einem positiven Lehrstück moderner Öffentlichkeitsarbeit. Aber auch die Erkenntnisse über den Ablauf der Tat sowie die Täterpersönlichkeit werfen bis heute spannende Fragen auf. Schon am Tatabend deutete kaum noch etwas auf einen zunächst naheliegenden islamistischen Anschlag hin, vielmehr liefen die Spekulationen vor Kameras und Mikrofonen in Richtung Rechtsterrorismus. Wie die Inschrift am Mahnmal erkennen lässt, ging und geht man zumindest offiziell von einem Amoklauf aus. Die Stadt München hatte drei Politikwissenschaftler mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Anschlags beauftragt, die Anfang Oktober ihre Gutachten der Öffentlichkeit vorstellten. Einer von ihnen ist Dr. Florian Hartleb, der seine Einschätzungen im einem Aufsatz zusammenfasst. Er sieht die Tat nicht als unpolitischen Amoklauf, sondern als rechtsterroristischen Anschlag eines „Einsamen Wolfes“ nach dem Vorbild von Anders Brevik.

Inhalt der Ausgabe Dezember 2017

 Fachartikel

Gewaltkriminalität

Rechtsterrorismus statt Amoklauf 
Eine notwendige Neubewertung des Attentats von München am 22. Juli 2016 (siehe Foto auf der Startseite)
Von Dr. Florian Hartleb

Rechtsterrorismus statt Amoklauf
Eine notwendige Neubewertung des Attentats von München am 22. Juli 2016
Von Florian Hartleb
Die Tat des David S. vom 22. Juli 2016 wird bislang nicht als politisch-rechtsextremistisch eingestuft, als unpolitischer Amoklauf interpretiert. Wer die Fakten zu einem Täterbild zusammenfügt, sieht alle Kriterien eines Rechtsterroristen im Sinne eines einsamen Wolfes erfüllt. Der Deutsch-Iraner David S. plante seine Anschläge über ein Jahr minutiös, absolvierte Schießübungen, besorgte sich eine Waffe über das Darknet. Er verfasste ein Bekennerschreiben, fantasierte über ein Anschlagsteam und über das Ziel, sein Vaterland „München“ zu schützen. Auch seine Opferauswahl war ideologisch: Alle Getöteten waren Migranten. Besonders perfide war, dass er mit einem gefakten Facebook-Account eines türkischen Mädchens bestimmte ethnische Gruppen anlocken wollte. Die persönliche, individualisierte Kränkungsideologie, angereichert mit kruden Bestandteilen, macht gerade den Einsamer-Wolf-Terrorismus aus. Es erstaunt, dass das offizielle Motiv auf ein einstiges Schulmobbing – später war der stets aggressive David S. sogar Klassensprecher – zurückgeführt wird. Zumal sich psychische Störungen und rassistisches Handeln gar nicht ausschließen.

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